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AutomotiveInterview

Wie BMW und Daimler mit steigender Komplexität umgehen

Ich bin kürzlich auf ein interessantes Interview gestoßen, in dem Michael Schmidt (BMW) und Frank Homberger (Daimler) Ihre Perspektive bezüglich durch Software erzeugte Komplexität in Fahrzeugen teilten.

Das Gespräch führte Philipp Noll von Spread (registrierungspflichtiges Video). Frank Homberger ist Manager für digitale Verifikationsprozesse bei Daimler AG (bzw. Mercedes-Benz Group AG), Michael Schmidt ist General Manager Digitization bei BMW.

Komplexität als große Herausforderung

Komplexität in Automotive ist eine Herausforderung, ohne Frage. Aber ob etablierte Hersteller mehr Probleme mit Komplexität haben als neue Marktteilnehmer, das bezweifelt Frank Homberger und verweist auf die anfänglichen Probleme von Tesla in Berlin-Brandenburg. Er räumt allerdings ein, dass etablierte OEMs im Gegensatz zu neuen Wettbewerbern auf bestehende Produktreihen Rücksicht nehmen müssen, was die Komplexität erhöht.

Auch Michael Schmidt stimmte dem zu und meint, deutsche Hersteller sind beim Beherrschen der Komplexität gar nicht schlecht aufgestellt. Er verwies darauf, dass viele Wettbewerber nicht unter demselben Druck stehen, Geld zu verdienen. Warum dies so sei, lies er offen. Ich vermute, dass er insbesondere Subventionen der chinesischen Regierung meinte, wobei diese laut Economist zumindest zur Zeit noch keine allzu großen Auswirkungen auf den Markt haben.

Daten nutzen, Silos aufbrechen, Digitalen Zwilling etablieren

Die Datenflut im Fahrzeug steigt, getrieben durch mehr Software und Sensorik. Zur Zeit werden diese Daten noch nicht effektiv genutzt. Das bestätigte Michael Schmidt. Er sieht bei BMW isolierte Dateninseln. Die Vision sei, diese Inseln zu einer Plattform zusammenzuführen, auf die Anwender ohne spezielles Wissen zugreifen können. Heute gibt es einen Bruch zwischen Entwicklung, Produktion und Betrieb. Dabei sind Datenformate und die Möglichkeit der Verknüpfung gar nicht einmal das Hauptproblem. Was fehlt ist eine semantische Durchgängigkeit der Prozesse.

Wer die komplette Prozesskette wirklich beherrscht, mit semantischer Datendurchgängigkeit und hoher Datenqualität, der hat einen absoluten Vorteil.

Michael Schmidt, BMW

Frank Homberger von Daimler bestätigte dies und brachte als Buzz-Wort dann den Digitalen Zwilling als wichtiges Lösungskonzept mit ein.

Menschen mitnehmen, Fachkräftemangel entschärfen

Frank Homberger betonte auch, wie wichtig es ist, die Menschen mitzunehmen und einzubinden. Er erlebt die Ängste der Mitarbeiter, die teilweise auch Stimmung gegen ein neues digitales Produkt machen.

Und nicht nur das: Michael Schmidt wies darauf hin, dass gerade die alten Hasen den Wert neuer Lösungen nicht erkennen, da diese auf ihre langjährige Erfahrung zurückgreifen können. Doch nicht jeder ist ein alter Hase und in Zeiten des Fachkräftemangels liegt hier ein enormes Potential, weniger erfahrene Mitarbeiter schnell effektiv und produktiv zu machen.

Software Driven Factory, Reduktion der Varianz und andere Lösungsansätze

Daimler hat unter dem Namen „Software Driven Factory“ eine eigene strategische Initiative für dieses Thema geschaffen. Einen wesentlichen Stellenwert dabei hat das neu zu entwickelnde Betriebssystem MB.OS, das seit 2021 entwickelt wird und dieses Jahr auf den Markt kommen soll.

BMW scheint den erforderlichen Transformationsprozess eher iterativ zu sehen. Michael Schmidt betonte, dass BMW schon vieles richtig und gut mache, dass die Dinge aber noch effizienter und einfacher werden müssen. Gerade für die Kontrolle der Kosten sah er die Reduktion der Varianz als ein wichtiges Thema an.

Variantenmanagement ist auch bei Daimler ein großes Thema. Dort wird damit experimentiert, Varianten per Software freizuschalten (wie bei anderen Herstellern ja auch schon). Hier ist noch nicht klar, ob sich der Business Case rechnet, da nicht zwingend notwendige Hardware verbaut wird. Das rechnet sich nur, wenn Kunden wirklich zusätzliche Features später kostenpflichtig freischalten.

Fazit

Dieses Interview zeigt deutlich, dass deutsche OEMs unter enormen Druck stehen. Mehrfach erwähnten die Gesprächspartner die Konkurrenz aus China. Während Daimler mit einer neuen Strategie versucht, sich neu zu erfinden, folgt BMW einem Weg der inkrementellen Verbesserung. Die Zeit wird zeigen, ob und wie gut die Unternehmen diese Herausforderungen meistern werden.

Photo by Thana Gu on Unsplash

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends