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5 Dinge, die wir für ein MBSE-Ökosystem brauchen: Antworten vom MESConf Open Space

In den 1990ern wurde beklagt, dass Softwareentwicklung ineffizient und teuer sei. Das Rad würde jedes Mal neu erfunden. Das hat sich inzwischen drastisch geändert, dank Repositories, Paketmanager, semantischer Versionierung, Open Source und vielem mehr.

Eine ähnliche Entwicklung hatten wir uns im MBSE erhofft, doch bisher bleibt sie aus. Wir haben ja noch nicht einmal einen funktionierenden Modellaustausch über Werkzeuggrenzen hinweg, geschweige denn über Team- oder Firmengrenzen.

Auf der MESConf moderierte ich zusammen mit Jan Richter einen OpenSpace, bei dem Praktiker und Experten untersuchten, warum wir noch kein MBSE-Ökosystem haben und was wir brauchen, um eines zu schaffen.

Ökosystem für Software

Als ich in den 1990ern an Vorlesungen zur Programmierung an der Universität teilnahm, war es normal, grundlegende Datenstrukturen für jedes Projekt neu zu entwickeln: Hashmaps, verlinkte Liste, etc. Heute sind solche Datenstrukturen in der Form von Standardbibliotheken in jeder Programmiersprache vorhanden.

Und auch komplexere Funktionen können wir über externe Bibliotheken nutzen. Während ich noch in den 2000ern diese händisch einpflegen musste, ziehen wir uns diese heute aus Repositories, die öffentlich oder privat sein können. Dank semantischer Versionierung und Paketmanagement gibt es kaum noch Probleme bei Aktualisierungen.

Open Source und kostenlose Werkzeuge waren auch wichtige Treiber für ein lebendiges Ökosystem für die Softwarenetwicklung. Beides ermöglicht es Interessierten, sofort mit der Arbeit zu beginnen, Reibungsverluste sind minimal.

Das Ganze funktioniert aber auch deshalb, weil es funktionierende Geschäftsmodelle gibt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Als IBM den Quellcode von Eclipse 2001 als Open Source freigab, wurde diese Entscheidung von Experten als sehr riskant eingestuft. Ich selbst benutzte damals im Team eine IDE, die ca. $1.000 pro Lizenz kostete. 2002 ersetzten wir diese durch Eclipse und fanden die Performance besser als die der kommerziellen IDE.

MESConf

Bereits letztes Jahr moderierte ich eine Session auf der MESConf, zum Thema KI und MBSE. Die MESConf findet inzwischen seit zehn Jahren auf dem infineon-Campus in München statt. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, findet hier ein intensiver Austausch mit hochkarätigen Teilnehmern aus der MBSE-Szene statt. Die MESConf ist inzwischen ein nicht mehr so geheimer Geheimtipp.

MBSE-Ökosystem: Leitfragen für MESConf Open Space

Da beim Open Space verwandte Themen typischerweise zusammengelegt werden, moderierte ich die Session zusammen mit Jan Richter, der als Thema multidisziplinäre Komponentenbeschreibung vorgeschlagen hatte. Robuste Komponenten sind ein integraler Bestandteil für ein funktionierendes Ökosystem.

Um der Diskussion die richtige Richtung zu geben, gaben wir 3+1 Leitfragen vor:

  1. Warum funktionieren Software-Ökosysteme?
  2. Warum funktionieren MBSE-Ökosysteme (noch) nicht?
  3. Was muss passieren, damit MBSE-Ökosysteme funktionieren?
  4. Weleche Rolle spielen dabei multidisziplinäre Komponentenbeschreibungen

Während der 45 Minuten langen Session diskutierten wir diese Fragen und sammelten Antworten.

5 Dinge, die wir für ein MBSE Ökosystem brauchen

Zum Abschluss der Session bewerteten wir die gefunden Punkte durch einfache Abstimmung. Die genauen Ergebnisse sind aus den Flipchart-Fotos unten zu erkennen. Fünf Punkte wurden von zehn oder mehr Teilnehmern als relevant bewertet:

1. Kapseln für Wiederverwendung

Kapsellung ist einer der Gründe, warum wir ein so gut funktionierendes Ökosystem in der Softwareentwicklung haben. Es hat zwei Jahrzehnte gedauert, bis wir verstanden haben, wie mit semantischer Versionierung und Paketmangern eine robuste Wiederverwendung von Softwarekomponenten realisiert werden kann.

Wir haben übrigens schon lange eine funktionierende Wiederverwendung von elektrischen Komponenten (Stromanschlüsse, Integrierte Schaltkreise (ICs)), mechanischen Komponenten (Schrauben, Getrieben, etc.) und inzwischen auch komplexen CAD-Modellen, die als Vorlage für 3D-Druck agieren. Doch die Integration muss in der Regel händisch durchgeführt werden und das Trio Mechanik/Elektrik/Software ist heute noch keine robuste Einheit.

2. Kostenloser Standardviewer für Modelle

In Analogie an das PDF-Format sahen die Teilnehmer einen Standardviewer für Modelle als essentiell an. Der Großteil der Stakeholder sind Leser. Diesen einfach und ohne Reibungsverluste Zugriff auf das Modell zu geben ist heute mühselig. Bezeichnend diesbezüglich war ein Vortrag von Airbus auf der ReConf dieses Jahr. Dort erwähnte Airbus, dass die hohen Werkzeugkosten einer der Gründe sei, warum MBSE-Modelle nicht automatisch allen Mitarbeitern zugänglich sind.

3. Gemeinsame Werkzeuge und Bibliotheken

Doch eine Viewer ist nur einer von vielen Werkzeuge, die wir im MBSE brauchen. Hier fehlt es noch erheblich an Interoperabilität. Das betrifft auch den Einsatz von Bibliotheken, wenn diese überhaupt systematisch eingesetzt werden. Vieles erinnert hier an die Situation in der Softwareentwicklung in den 1990ern.

4. Bidirektionalität von Model und Sicht

Das Thema Bidirektionalität haben wir aus der vorhergehenden Session in diese mitgenommen, wo es um die textuelle Notation der SysML v2 ging. Eine der Fragen war, ob wir die textuelle Notation (oder auch die grafische) als Read-Only-Sicht auf das Modell sehen sollten. Die klare Antwort der Gruppe war: Nein! Wir müssen in jeder Sicht auch editieren können, Änderungen müssen synchronisiert werden und dürfen nicht zu lokalen, möglicherweise veralteteten Kopien werden.

5. Methodik

Zuletzt diskutierten wir noch das Thema von Methodik, das in einer Dreiecksbeziehung eng mit Werkzeug und Sprache verknüpft ist. Wir hatten hier zwar keine klaren Antworten gefunden (auch aus Mangel an Zeit), waren uns aber einig, dass ein Wildwuchs bei Methodiken auch einem homogenen Ökosystem im Weg steht.

Flipchart der Session

Fazit

Dieser OpenSpace der MESConf zum MBSE-Ökosystem war nur eine von vielen spannenden Diskussionen in Beiträge der Konferenz. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr.

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends