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5+1 Verbesserungsvorschläge für die deutsche Automobilindustrie

Die Automobilindustrie hat in Deutschland eine große wirtschaftliche Bedeutung und war bis vor kurzem Weltführer. Doch das ändert sich, getrieben durch Elektrifizierung, autonomes fahren und generell dem Trend zu softwaredefinierten Produkten. Soweit nichts neues.

Wie wir damit umgehen sollen ist hingegen eine andere Frage. Dazu hat sich Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management 5 Verbesserungsvorschläge gemacht. Zu diesen füge ich einen 6. hinzu.

Center of Automotive Management

Das Center of Automotive Management (CAM) wurde vor fast 20 Jahren, im Jahr 2004, gegründet. Es sieht sich als unabhängiges, wissenschaftliches Institut, welches sich mit den wirtschaftlichen Fragen der Automobilindustrie auseinandersetzt.

Gegründet wurde das CAM von Professor Stefan Bratzel, der mit seinem Institut inzwischen eine gute Reichweite hat und in den Medien zitiert wird. Auch bei LinkedIn ist er mit regelmäßigen Meldungen aktiv.

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Bildquelle: Tagesthemen via Center of Automotive Management (CAM)

Seine Verbesserungsvorschläge für die Automobilindustrie beschreibt er ausführlich in einem Gastbeitrag im Handelsblatt. Diese sind:

Verbesserungsvorschläge für die Automobilindustrie

Hier nun meine persönliche Zusammenfassung der 5 Verbesserungsvorschläge und ein 6. von mir:

1. Wir brauchen günstige E-Kleinwagen!

Die größten Margen lassen sich im High-End realisieren und dort finden wir auch die meisten Modelle von deutschen Herstellern. Auf dieser Liste von E-Kleinwagen vom ADAC sind nur zwei deutsche Modelle aufgeführt, VW e-up! und Opel Corsa-e (Baugleich mit Peugeot e-208). Den 2-Sitzer Smart habe ich hier mal ausgelassen.

Doch dieses Segment ist wichtig, ein den Massenmarkt zu erschließen. Weiterhin müssten solche Modelle auch preislich mit den Verbrennern mithalten können.

Persönliche Erfahrung: Bei der Suche nach meinem nächsten Fahrzeug habe ich nur fünf Elektrofahrzeug-Modelle gefunden, die von der Breite in meine recht schmale Stadtgarage passen (bei akzeptabler Reichweite). Zwei davon waren baugleich.

Michael Jastram

2. Gewerbekunden sind der Weg in den E-Massenmarkt

Neuwagen werden in Deutschland hauptsächlich gewerblich gekauft, während Privatfahrzeuge eher gebraucht gekauft werden. Daher sollte es insbesondere für gewerbliche Fahrzeuge entsprechende Anreize geben, auf Elektrofahrzeuge zu setzen. Das ist eine von der Politik bisher vernachlässigte Stellschraube. Konkret schlägt Prof. Bratzel eine Bevorzugung von Elektrofahrzeugen bei der Dienstwagenbesteuerung vor.

3. Benzin muss teurer, grüner Strom günstiger werden

Eine weitere Stellschraube sind die Energiekosten. Dies muss nicht (und sollte nicht) spezifisch für die Automobilindustrie sein. Wir haben ja bereits einen Mechanismus, der grüne Energiequellen attraktiver macht, den CO2-Handel. Über diesen Weg würden technologieneutrale Anreize geschaffen werden, die aber indirekt die Nachfrage nach E-Autos erhöhen würden.

4. Verlässliche Ladeinfrastruktur

Fairerweise muss man sagen, dass sich beim Ausbau der Ladeinfrastruktur eine Menge tut. Problematischer ist hier eher das Bezahlchaos, wobei auch hier in den letzten Jahren vieles drastisch besser geworden ist.

Dennoch fehlt heute die Einfachheit und Transparenz, die wir vom Benzin-Tanken kennen.

5. Ein E-Auto ist ein neues Produkt

Der Golfkrieg in den 1990ern hatte die Energiekosten in die Höhe getrieben, was damals zu einer Renaissance der Elektroautos führte. Die verlief allerdings im Sande, da viele Hersteller einfach nur den Motorblock eines Verbrenners mit einem Elektromotor ausgetauscht hatten. Erst Tesla hat bewiesen, dass ein E-Auto zwar mit dem Verbrenner verwandt, aber dennoch ein anderes Produkt ist.

Prof. Bratzel liefert eine Reihe von Stichworten zu diesem Thema: fahrzeugübergreifendes Ladeökosystem, bidirektionales Laden oder Energie-Autarkie. Gerade wir im Systems Engineeering sollten unsere Phantasie entfalten, um das Elektroauto als System of Systems wahrzunehmen.

5+1. Innovation erfordert Konkurrenz für die Platzhirschen

Hier ist mein persönlicher 6. Punkt: Die deutschen OEMs und Zulieferer stehen unter enormen Druck. Doch reicht das, um die Transformation zu schaffen? Auch wenn Milliarden investiert werden, fällt einem Großkonzern Innovation schwer. Das haben wir erst kürzlich bei Cariad gesehen.

Die Treiber für Innovation waren schon immer Unternehmer, nicht Konzerne. Daher holen sich viele Konzerne auch Innovation durch den Aufkauf von Start-ups ins Haus. Und da krankt es meiner Meinung nach gewaltig. Zumindest vor fünf Jahren waren die Zahlen erschreckend:

in den 7 Jahren von 2011 – 2018 investierten in Automotive-Startups:

  • Deutschland ca. 1 Mrd. USD
  • USA: 56 Mrd. USD
  • China: > 30 Mrd. USD
Florian Nöll, Vorsitzender des Vorstandes Bundesverband Deutsche Startups e.V., ab15:05

Die USA zeigen, wie es stattdessen laufen kann: Neben Tesla ist Cruise ein beeindruckendes Beispiel für ein innovatives Start-up, das den Markt aufwirbelt. Inzwischen gehört Cruise zu General Motors (GM).

Die zitierten Investment-Zahlen werden ab 15:05 präsentiert von Florian Nöll, Vorsitzender des Vorstandes Bundesverband Deutsche Startups e.V.

Fazit

Es gibt eine Menge zu tun, doch es ist jetzt schon klar, dass das deutsche Auto seinen Vorherrschaft in der Welt verloren hat. Die Verbesserungsvorschläge von Stefan Bratzel für die Automobilindustrie sind valide und wenn (!) sie richtig umgesetzt werden, werden sie dazu beitragen, diesen Prozess etwas zu bremsen.

Persönlich halte ich es für wichtiger, auf das zu setzen, was langfristig den Wirtschaftsstandort Deutschland erhalten kann: Das ist keine einzelne Industrie, sondern das sind die Menschen in diesem Land, allen voran unternehmerisch denkende Menschen.

Bildquelle: CAM

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends