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Trends und Debatten: Highlights der ReConf 2024

Gestern ging die diesjährige ReConf zu Ende. Die Konferenz war wie immer gut besucht und ist auch nach 21 Jahren nach wie vor hochaktuell. Die Vorträge waren hochkarätig, der Austausch wie immer interessant, die Teilnehmer eine gesunde Mischung aus alten und neuen Gesichtern. Im Folgenden ein kurzer Rückblick mit den wichtigsten Highlights.

KI überall

Das Thema Künstliche Intelligenz war dermaßen dominant, dass es einen eigenen Track an beiden Tagen dazu gab. Und auch einige der anderen Tracks hatten berührten das Thema KI. Kein Wunder also, dass es auch eine Keynote zum Thema KI gab.

Ich konnte nicht an jedem KI-Vortrag teilnehmen. Von denen, die ich angeschaut hatte, blieb mir KI im RE: Mehrwert, Methoden, Zukunft von Jens Kawelke und Finn Laßmann besonders in Erinnerung. Sie zeigten unter anderem den Einsatz von Retrieval Augmented Generation (RAG), um ein spezifisch trainiertes Large Language Model (LLM) zu erstellen. Über ein Chat-Interface können Nutzer dann mit Codebeamer interagieren, zum Beispiel Informationen über bestimmte Projekte abfragen oder Testfälle generieren, die der Assistent dann korrekt verlinkt automatisch in Codebeamer einfügt.

Keynote zu KI von Prof. Dr.-Ing. Roman Dumitrescu

Ich hatte die letzten 12 Monate mehrere Keynotes zu KI gesehen, und dies war mit Abstand die beste! Unter dem Titel Prompt-Driven Engineering: Wie Generative AI die Entwicklungsarbeit transformiert stellte Roman Dumitrescu anschaulich dar, was heute möglich ist und bald möglich sein wird.

Offene Large Language Models (LLM) werden immer besser, daher brauchen wir keine Millionen zu investieren um eigene LLMs, zu entwickeln, die kriegen wir umsonst!

Prof. Dr.-Ing. Roman Dumitrescu

Romans Mitarbeiter hatten viel Spaß dabei, ihn als Versuchskaninchen für alle möglichen Fallbeispiele einzubinden, was den Vortrag sehr kurzweilig machte. Der Vortrag ging in vielerlei Hinsicht auf die Bedürfnisse der ReConf-Besucher sein. Erst durch seinen Vortrag hatte ich erfahren, dass Magazine für Grundschulkinder schon Artikel zur Nutzung von ChatGPT veröffentlichen. Oder dass BMW plant, den Roboter Figure One in Fabriken in den USA einzusetzen. Oder wie 3D-Modellen aus abfotografierten Lego-Modellen für Rapid Prototyping generiert werden können.

Wer mehr wissen möchte, kann sich das 24-Minuten-Video ChatGPT & Co.: KI als Gamechanger für Produktinnovationen? bei Youtube anschauen.

Werkshow: RE und MBSE

Als interaktive Abendveranstaltung am ersten Abend debattierten Andreas Willert und Rupert Wiebel, was die Zukunft von Requirements Engineering (RE) und Model Based Systems Engineering (MBSE) sein wird. Die Debatte war geprägt von der Online-Debatte der letzten Wochen, ob MBSE denn nun am sterben ist oder nicht.

Eine völlig informelle Abstimmung per Hand zeigte, dass MBSE von den Teilnehmern weder als tot noch lebendig angesehen wurde. Rupert bestätigte, dass MBSE in einer Krise ist und Andreas wiederholte seinen Standpunkt, dass wir aufpassen müssen, dass SysML nicht das selbe Schicksal ereilt wie UML. Er sieht UML als verbrannt an, zumindest für den (in den 2000ern gehypten) Anwendungsfall Codegenerierung.

Als positives Beispiel für die Modellierung nannte Andreas Simulink, als Killer-App für MBSE sieht er neben Simulation auch Code-Generierung.

Ohne Produktivnutzen sind Modelle bald tot.

Andreas Willert

Aus dem Kreis der Teilnehmer kam die Angst vor Silobildung bei MBSE, was insbesondere Rupert bestätigte. Ein weiterer Kommentar wies darauf hin, dass Kunden oft noch viel Vorarbeit getan werden muss, bevor an die Einführung von Modellierung gedacht werden könnte. Vielleicht ist es doch noch zu früh für MBSE?

MBSE bei Airbus

Doch es gibt auch positive Beispiele. Neben dem obligatorischen Vortrag zu SysML v2 gab es von Airbus den hervorragenden Vortrag Wie gelingt die Verknüpfung von Requirements Engineering und Model Based Systems Engineering? von Christoph Pfeuffer und Sebastian Strobl. Dort wird Modellierung mit Cameo erfolgreich eingesetzt, allerdings wird da das Potential von MBSE bei weitem nicht ausgeschöpft.

In einem Gespräch mit einem BMW-Mitarbeiter erfuhr ich, dass auch dort MBSE sehr erfolgreich praktiziert wird. Leider gibt es dazu nichts, was ich veröffentlichen darf.

ReqIF 1.3

Leser dieses Blogs wissen, dass ich am Standardisierungsprozess vom Requirements Interchange Format (ReqIF) beteiligt war. Daher war ich natürlich sehr neugierig auf den Vortrag ReqIF 1.3 & andere Herausforderungen im ReqIF-Datenaustausch von Moritz Schamal und Nikolai Stein.

Ob und wann ReqIF 1.3 kommen wird, steht noch nicht fest. Ebenso ist unklar, wie viel sich überhaupt ändern wird. Aktuell wird das Thema im ProSTEP Implemenation Forum diskutiert. Falls diese Gruppe einen Vorschlag macht, muss diese erst von der OMG verabschiedet werden. Dieses Jahr wird der Standard auf keinen Fall veröffentlicht werden.

Gemeinsame Sprache in der Produktentwicklung.

In meinem eigenen Vortrag ging es um Sprache unter dem Titel Ade Babel: Praktische Wege zu einer gemeinsame Sprache in der Produktentwicklung. Im ersten Moment mag es verwunderlich erscheinen, dass das Thema KI oder Modellierung nicht im Titel erscheint, da ich die letzten Jahre viel mit beiden Themen gearbeitet habe.

Dennoch ging es indirekt auch darum: Sprache hilft uns Komplexität zu beherrschen: Die heutige generative KI arbeitet mit Abstand am Besten mit geschriebener Sprache, und Modellierung erfordert eine Modellierungssprache.

Keynote: Wie wird das Wetter?

Wie immer gab es am zweiten Tag der ReConf eine hervorragende Keynote, die nur indirekt mit dem Thema der Konferenz verknüpft ist. Diesmal sprach Claudia Kleinert unterhaltsam und mitreißend zum Thema Klimawandel – Bedrohung und Chance. Für uns Systems Engineers ist das Stichwort Nachhaltigkeit. Claudias Aufruf hat sich an das richtige Publikum gewandt, dass hier aktiv mithelfen kann, die Klimakrise zu bewältigen.

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends