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Rezension Industrial DevOps: Bessere Produkte schneller entwickeln

Rezension Industrial DevOps: Bessere Produkte schneller entwickeln

Viele wissen bereits, dass ich an einem neuen Buch arbeite. In Product Velocity geht es um die Entwicklung von physischen Produkten mit Softwaregeschwindigkeit. Es gibt zu dem Thema erstaunlich wenig Literatur. Die Bücher, die ich zum Thema gefunden habe, sind zum großen Teil recht alt.

Ein Buch, dass sich dabei abhebt, ist Industrial DevOps von Suzette Johnson and Robin Yeman. Das Buch wurde 2023 veröffentlicht, ist also auch recht aktuell.

Im Folgenden die Rezension von Industrial DevOps.

Zielgruppe: Programmmanager, Systemarchitekten, Entscheider in der Produktentwicklung und Coaches, bzw. Berater

Bewertung: ★★★★★ Praxisnah, gut strukturiert, extrem relevant.

Erwerben: Die Papierversion kostet ca. €25 bei amazon.de, die E-Book-Version ist ein Schnäppchen für gerade mal $6.

Autoren: Dr. Suzette Johnson ist Autorin und Expertin für Lean/Agile-Transformationen in der Luft- und Raumfahrtindustrie, insbesondere bei Northrop Grumman. Sie hat über hundert Unternehmen bei der Einführung agiler Prinzipien unterstützt und gründete mehrere Initiativen zur Förderung von Frauen und agilen Praktiken.

Robin Yeman arbeitete über 26 Jahre bei Lockheed Martin und führte dort agile Methoden in Großprojekten von U-Booten bis Satelliten ein. Sie treibt heute als Space Domain Lead am Software Engineering Institute von Carnegie Mellon agile und DevOps-Praktiken in sicherheitskritischen Systemen voran und promoviert in Systems Engineering.

Vorwort von Mik Kersten und Dean Leffingwell: Iterationen verkürzen, Werteströme nutzen

Das erste ist von Mik Kersten, den ich als Gründer des Unternehmens Tasktop, bzw. als Autor des Buchs Project to Product kannte. Tasktop hat einen Integration Hub entwickelt, mit dem Daten zwischen den verschiedenen Entwicklungswerkzeugen synchronisiert werden. Doch schon vor vielen Jahren hatte Tasktop die Richtung geändert und sich auf Value Stream Management fokussiert, also um die Optimierung der Wertschöpfungskette in der Entwicklung. Tasktop wurde inzwischen von Planview aufgekauft.

Dean Leffingwell ist der Urheber von SAFe. Persönlich kenne ich wenige Menschen, die von SAFe wirklich überzeugt sind. Dennoch sehen viele SAFe als praktikablen Weg an, agile Prinzipien in großen Unternehmen großflächig einzuführen.

Weg von SpaceX und Tesla

Ich zitiere oft SpaceX als Fallstudie für die Produktentwicklung in kurzen Iterationen: Diese Unternehmen haben beeindruckendes geleistet, doch ich distanziere mich klar von Firmengründer Elon Musk. Doch häufig fehlen mir alternative Case Studies (wobei ich inzwischen öfter auf Wagner und GM Cruise zurückgreife)

Natürlich nehmen SpaceX und Tesla auch in Industrial DevOps eine prominente Position ein. Gleichzeitig werden aber auch viele andere Unternehmen für Case Studies herangezogen, wie Bosch, Chevron, Apple, NASA, Planet Labs, Amazon und einige mehr.

By applying Agile practices, we created a product that has been a smash hit in the market. Without innovative physical heating technology, we wouldn’t make any progress with IoT software.

Soraia Ferreira, Software Engineer supporting Bosch in the area of smart heating and heating systems

Buchstruktur: Auf den Punkt

Das Buch lässt sich sequentiell von Anfang bis Ende durchlesen. Die vielen Case Studies lockern den Text auf. Aber besonders nützlich sind die Zusammenfassungen und Handlungsanweisungen am Ende jeden Kapitels. Je nach Inhalt gibt es eine Kurze Punkteliste zu

  • Getting Started: Wie beginne ich, das Thema umzusetzen?
  • Key Takeaways: Das wichtigste aus dem Kapitel
  • Fragen für das Team: Welche Informationen benötige ich von meinen Mitarbeitern?
  • Coaching Tips: Wenn ich als Coach agiere, was muss ich berücksichtigen?

Neben einer ausführlichen Bibliografie enthält das Buch auch einen Anhang zu Werkzeugen. Damit sind allerdings konzeptionelle Werkzeuge gemeint, wie Wertanalyse, Kanban und ähnliches.

Teil 1: Den Erfolg von Agilität auf die Produktentwicklung übertragen

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil geht es um die folgenden drei Themen:

  • Kapitel 1: Auf dem Weg zu einer Praxis des industriellen DevOps
    Dieses Kapitel beschreibt die Grundlagen von Industrial DevOps als Weiterentwicklung bestehender Lean-, Agile- und DevOps-Prinzipien. Die Autoren zeigen auf, wie diese Konzepte für komplexe Systeme aus Hardware, Software und Fertigung kombiniert werden können. Ziel ist es, bessere Produkte schneller und effizienter zu liefern.
  • Kapitel 2: Vorteile von Industrial DevOps
    Hier werden die konkreten Vorteile einer DevOps-Umsetzung in industriellen Kontexten erläutert, insbesondere bei cyber-physischen Systemen. Neben verkürzten Entwicklungszyklen und höherer Qualität wird betont, wie wichtig es ist, die gewünschten Verbesserungen messbar zu definieren und konsequent zu verfolgen.
  • Kapitel 3: Irrtümer über Industrial DevOps
    Das dritte Kapitel räumt mit verbreiteten Missverständnissen auf, zum Beispiel, dass Agilität Planung oder Dokumentation überflüssig macht (wobei meiner Erfahrung nach sich das schon herumgesprochen hat. Stattdessen geht es um Planung, integrierte Qualität und kontinuierliches Lernen. Erkenntnisse kontinuiuerlich erfassen und zu Nutzen sollte das Ziel sein.

Prinzipien von Industrial DevOps

Teil 2 des Buchs basiert auf insgesamt 9 Prinzipien, auf die an verschiedenen Stellen im Buch immer wieder verwiesen wird. Diese sind:

  • Prinzip 1: Organisation entlang des Wertstroms ermöglicht regelmäßige Demos, Feedback und wertorientierte Ergebnisse über mehrere Produktteams hinweg.
  • Prinzip 2: Planung in mehreren Ebenen hilft, mit Skalierung und Komplexität umzugehen und kontinuierliches Lernen zu fördern.
  • Prinzip 3: Datenbasierte Entscheidungen stützen sich auf aktuelle Metriken, um den Arbeitsfluss zu steuern und systemübergreifend zu verbessern.
  • Prinzip 4: Architektur für Wandel und Geschwindigkeit reduziert Abhängigkeiten und beschleunigt Anpassungsfähigkeit.
  • Prinzip 5: Iterationen und Warteschlangen fördern schnelles Feedback, Experimente und kontinuierliches Lernen.
  • Prinzip 6: Takt und Synchronisation verringern Varianz und erhöhen Vorhersagbarkeit im Entwicklungsprozess.
  • Prinzip 7: Frühe und häufige Integration beschleunigt das Schaffen von Ergebnissen in komplexen Systemlandschaften.
  • Prinzip 8: „Shift Left“ steht für eine testgetriebene Denkweise über alle Testebenen hinweg.
  • Prinzip 9: Eine Wachstumsmentalität fördert ständiges Lernen, Innovation und Anpassungsfähigkeit im Wandel.

Teil 2: Die Prinzipien und Praktiken von Industrial DevOps

Der zweite Teil nimmt den größten Teil des Buchs ein. Hier geht es nun um konkrete Prinzipien und Praktiken, die erforderlich sind, um Industrial DevOps erfolgreich in Organisationen zu etablieren:

  • Kapitel 4: Organisation am Wertstrom ausrichten
    Dieses Kapitel ist stark von Mik Kersten’s Ideen geprägt und zeigt, wie Unternehmen ihre Strukturen so gestalten können, dass sie den Werteströme optimieren. Teams sollen möglichst autonom agieren können, um Abhängigkeiten zu minimieren und Aktivitäten zu entkoppeln.
  • Kapitel 5: Mehrere Planungshorizonte anwenden
    Hier wird erklärt, wie Unternehmen eine Produktstrategie auf mehrere Ebenen anwenden können, die dadurch realistischer werden und zu anpassungsfähigen Produkten führen Planung erfolgt empirisch statt rein prognostisch, und große Systeme werden sinnvoll in kleinere Einheiten zerlegt.
  • Kapitel 6: Datenbasierte Entscheidungen umsetzen
    In diesem Kapitel geht es darum, Fortschritt messbar und Sichtbar zu machen, zum Beispiel durch Demonstrationen. Gerade in komplexen Systemen mit Software und Hardware sind digitale Werkzeuge und regelmäßiges Stakeholder-Feedback für datengetriebenes Arbeiten wichtig.
  • Kapitel 7: Architektur Auf Änderungen und Geschwindigkeit ausrichten
    Eine modulare, anpassungsfähige Architektur ist essenziell für schnelle Entwicklung und Integration. Dieses Kapitel beleuchtet architektonische Entscheidungen, Standardisierung und die Bedeutung von evolvierenden Systemdesigns für industrielles DevOps.
  • Kapitel 8: Iterationen verkürzen und Werteströme optimieren
    Kurze Entwicklungszyklen mit kleinen Arbeitspaketen ermöglichen schnellere Ergebnisse und schnelleres Lernen. Warteschlangen und iteratives Arbeiten erhöhen Innovation und reduzieren Risiko, zum Beispiel mit Hilfe von Simulationen.
  • Kapitel 9: Takt und Synchronisation etablieren
    „Cadence“ ist der Begriff, dem ich in letzter Zeit schön öfter für diese Phase begegnet bin. Hier geht es um die Koordinierung durch abgestimmte Integrationspunkte, ähnlich den Release Trains, die ich von der Eclipse Foundation kenne.
  • Kapitel 10: Früh und häufig integrieren
    Continuous Integration wir schon lange in der Softwareentwicklung praktiziert und kann auch auf Hardware übertragen werden. Damit verringern sich technische Risiken und der Fluss der Entwicklung verbessert sich.
  • Kapitel 11: Shift Left
    Testund Qualitätssicherung werden frühzeitig in den Entwicklungsprozess integriert, also über Behaviour Driven Development (BDD). Die Dreiecksbeziehung des V-Modells ist dabei ein Enabler für die Automatisierung.
  • Kapitel 12: Eine Wachstumsmentalität schaffen
    Die Menschliche Komponente ist eine der wichtigsten, und der Wandel zu DevOps erfordert kulturellen Wandel. Führungskräfte müssen bereit sein, umzudenken und eine Sichere Umgebung für das Team schaffen. Dies erfordert gemeinsame Denkmodelle, klare Zielbilder und die Akzeptanz kultureller Veränderung.

Teil 3: Die Zukunft gestalten

Im dritten Teil des Buchs geht es darum, wie Unternehmen Industrial DevOps nicht nur einführen, sondern weiterentwickeln können. Der Fokus liegt auf Umsetzung, Veränderung und Führung.

Kapitel 14: Hürden und Akzeptanz
Hier werden typische Widerstände bei der Einführung von Industrial DevOps benannt, wie mangelnde Kommunikation, unklare Verantwortlichkeiten oder fehlende Unterstützung durch Entscheider. Das Kapitel betont die Bedeutung eines strukturierten Change-Managements, einer lernorientierten Haltung und eines klaren Trainingsansatzes. Der Wandel gelingt nur, wenn Qualität, Sicherheit und der Mensch im Mittelpunkt stehen.

Kapitel 13: Alles zusammenführen
Nun geht es darum, Industrial DevOps im ganzen Unternehmen fest zu verankern. Das ist eine Führungsaufgabe, bei der eine klare Zielvision definiert, die Ausgangslage bewirtet und eine Roadmap entwickelt und umgesetzt wird.

Fazit

Gerade weil ich aktuell an einem Buch zum selben Thema arbeite, kann ich dieses Werk meinen Leserinnen und Lesern mit gutem Gewissen empfehlen. Es ist nicht nur eines der aktuellsten Bücher zu Industrial DevOps, sondern auch hervorragend strukturiert und praxisnah geschrieben.

Das Buch richtet sich klar an Führungskräfte und größere Organisationen. Das heißt nicht, dass Ingenieure oder kleinere Unternehmen keinen Nutzen daraus ziehen können; wer jedoch eine tiefgehende Analyse von CI/CD-Werkzeugketten oder den technischen Details der Simulationsintegration sucht, wird hier nicht fündig. Das ist in Ordnung und entspricht auch nicht dem Anspruch des Buchs; aber genau diese Lücke werde ich in meinem eigenen Buch etwas gezielter adressieren.

Insgesamt liefert dieses Buch eine starke Grundlage für den strategischen Wandel in komplexen Organisationen. Damit ist es ein wertvolles Werkzeug, um die Produktentwicklung zu beschleunigen.

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