Kann Systems Engineering die Automobilindustrie retten? Nein, aber…

Es vergeht kein Tag, an dem nicht entweder eine weitere Hiobsbotschaft zur Automobilindustrie erscheint oder ein Experte seinen Senf dazu gibt, wie d Automobilindustrie zu retten ist. Na gut, dann reihe ich mich da mal ein.
Gleich vorweg: Es fehlt natürlich nicht die eine Idee, auf die nur alle gewartet haben. Transformation ist ein langwieriger Prozess. Die Frage ist eher: Da wir uns ja nun in einer Krise befinden, welche Strategie (nicht Taktik!) führt langfristig aus der Krise, welche mutigen Schritte müssen Entscheider heute nehmen, damit in fünf (oder zehn) Jahren die deutsche Automobilindustrie noch eine Bedeutung hat.
Meine Antwort wird die Leser sicher überraschen.
China
Die Krise hätte jeder vorhersagen können, der China ernst nimmt. China hat seine Ambitionen, ein globaler Marktführer in der Automobilindustrie zu werden, erstmals im Rahmen der Strategie „Made in China 2025“ öffentlich formuliert. Diese Initiative wurde im Jahr 2015 von der chinesischen Regierung eingeführt und legt den Schwerpunkt auf die Modernisierung und technologische Unabhängigkeit in verschiedenen Schlüsselindustrien, darunter auch die Automobilbranche. Ziel der Strategie ist es, die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Unternehmen zu erhöhen, die Abhängigkeit von ausländischer Technologie zu verringern und globale Führungspositionen, insbesondere im Bereich der Elektromobilität und neuer Antriebstechnologien, zu erlangen.
Im Rahmen dieser Initiative hat China nicht nur erhebliche Mittel in Forschung und Entwicklung investiert, sondern auch die Elektromobilität stark gefördert, um in Zukunft eine dominierende Rolle in der Automobilindustrie zu spielen. Auch die Förderung von Start-ups und die Unterstützung für große chinesische Automobilhersteller wie BYD und NIO sind Teil dieser Strategie.
Ich will ja nicht sagen: „Ich hab’s ja gesagt!“. Aber bereits 2017 wies ich in diesem Blog auf die Gefahr hin und 2018 hat ein deutscher Investor darauf hingewiesen, dass Automotive-Startup-Investitionen in China ca. 30 Mal und in den USA ca. 60 Mal so hoch sind wie in Deutschland.
Die Wirtschaftswoche fokussiert sich auf die Fragen für Industrie, Land, Politik und, wie der Name ja sagt, Wirtschaft. Die Krise betrifft alle deutschen OEMs, egal ob Massenmarkt (VW), Premium (Mercedes) oder Zulieferer (Continental, ZF und viele mehr). Es geht nicht nur um Absatz, sondern auch Qualität (wie kürzlich bei BMW). Die Politik meldet sich zu Wort und Fabrikauslastungen werden zum Problem. Die Gewerkschaften rüsten sich bereits.
Digitalisierung und „Software-Defined Vehicle“
Das ironische: Vor über zehn Jahren war ebenfalls längst klar, dass Software für Fahrzeuge eine enorme Rolle spielen würde. Zur Erinnerung: Die ersten autonomen Fahrzeuge erschienen 2014 auf den Straßen, entwickelt wurden diese schon viel länger. Zu dem Zeitpunkt fragten sich schon viele Experten, ob Tech-Unternehmen nicht eine Vorreiterrolle übernehmen und traditionelle Fahrzeughersteller überholen würden.
Chinesische Unternehmen, wie BYD, nahmen sich Tesla als Vorbild und entwickelten neue Fahrzeugarchitekturen. Tesla hatte damals schon erkannt, dass moderne Autos eine neue, softwarezentrische Architektur benötigen würden. Leider hat die hiesige Industrie auch diese Entwicklung verpennt. Zur Erinnerung: Cariad wurde erst 2019 gegründet.
Gartner hat nun den 2024 Digital Automaker Index veröffentlicht und das Ergebnis ist deprimierend (hier die Zusammenfassung von Philipp Raasch). Der Stand der Dinge ist ernüchternd: Nur drei etablierte Fahrzeughersteller sind unter den ersten zehn Plätzen zu finden: Ford, GM und BMW belegen die Plätze 8, 9 und 10. Mercedes (11.) und VW (13.) sind immerhin noch unter den Top 15.
Statt Optimierung geht es heute um die Neuerfindung des gesamten Geschäftsmodells. Mal sehen, wann wir den ersten Tech-CEO bei einem klassischen Autobauer sehen.
Philipp Raasch
Gartner sieht 5 Gründe für das Ergebnis:
- Fehlendes Commitment der Entscheider zum Softwarefokus
- Kultureller Wandel von traditionellem Hersteller zum Softwareunternehmen
- Mangel an Fachkräften, insbesondere
- Uninteressanter Arbeitgeber für Softwareingenieure
- Ineffiziente Ressourcennutzung
- Fehlende E/E-Architektur
Systems Engineering im Automotive-Umfeld
Ich würde behaupten, dass Deutschland und Europa (besonders Frankreich) beim Systems Engineering im Automotive einen sehr hohen Reifegrad aufweist. Zum Beispiel hatte Mercedes schon 2016 ein starkes Commitment zu MBSE bekundet. Das hat allerdings die aktuelle Krise nicht abgewendet.
Das bedeutet nicht, dass Systems Engineering keinen Wettbewerbsvorteil darstellt, ganz im Gegenteil: Ohne Systems Engineering wird es kaum möglich sein, qualitativ hochwertige, sichere Fahrzeuge zu bauen. Wie gut da die jungen Wettbewerber wirklich sind, wird sich zeigen, wenn diese vermehrt auf westlichen Straßen zu finden sind.
Weiterhin habe ich schon öfter argumentiert, dass insbesondere MBSE ein Enabler für agile Entwicklung sein kann und, richtig eingesetzt, Innovation fördert.
Doch leider kann insbesondere MBSE auch zur Silobildung führen. Es ist eben eine Technologie die zunächst neutral ist. Um effektiv zu sein, muss diese richtig eingesetzt werden.
Meine Rat: Wir brauchen mehr Start-Ups!
Wir haben in Deutschland enorm viel Talent. Wir haben aber das große Problem, das Talent zu mobilisieren. Jetzt kommt auch noch dazu, dass aus Kostengründen im Automotive-Umfeld auch noch Arbeitsplätze abgebaut werden. Viele talentierte Menschen sind auf dem Arbeitsmarkt und daran interessiert, in Ihrem Fachbereich weiterzuarbeiten und am Erfolg von etwas Großem mitzuwirken. Doch wie ich eingangs sagte: wir investieren bei weitem nicht genug in Automotive-Startups.
Investoren winken oft ab, wenn sie „Automotive“ hören
Gerade Amerika hat eine enorm aktive Startup-Szene, von der wir nur träumen können. Tesla ist ein gutes Beispiel, wie ein Startup den Markt aufrollen kann. GM hat gezeigt, wie man ein Startup wie Cruise aufkaufen und integrieren kann, ohne es kaputt zu machen.
In letzter Zeit hören wir doch aus der Politik immer wieder, wie wichtig es ist, Start-ups zu fördern. Ich hoffe, dass diesen Worten mehr Taten folgen werden, als es in der Vergangenheit der Fall war.






