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6+3 Portfolio-Hersteller von Systems Engineering-Werkzeugen

Hinweis: Aktualisierungen am Ende zu Renesas und Mathworks am Ende des Artikels.

Hersteller von Werkzeugen für das Systems Engineering fallen in zwei Klassen: Es gibt Portfolio-Hersteller wie IBM und Siemens, die ein ganzes Sortiment an Tools haben. Dann gibt es kleine Unternehmen, die nur ein Werkzeug vertreiben, das man aber in der Regel in ein bestehendes Ökosystem integrieren kann. Diese nenne ich Boutique-Unternehmen, zu denen Firmen wie Jama Software oder Sparx Systems gehören.

Ob das Argument stimmt, dass Werkzeuge aus einem Portfolio immer reibungslos zusammenspielen, sei mal dahingestellt. Doch Entscheider sollten sich im Klaren sein, was die Wahl eines Herstellers bedeutet, denn wechseln ist schwierig. Daher hier die Liste der 6 wichtigsten Portfolio-Hersteller, die Systems Engineering-Werkzeuge herstellen. Als Bonus am Schluss 3 weitere Unternehmen, die bald auf dieser Liste erscheinen könnten.

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Boutique oder Portfolio?

Auch wenn es heute nicht um die Hersteller von Boutique-Werkzeugen geht, kurz ein Wort zum Trade-Off zwischen den Ansätzen. Wie so oft ist die Frage, wie einfach die Integration der Werkzeuge ist.

Integration bei Portfolio-Werkzeugen:

  • Theoretisch ist die Integration von Werkzeugen aus Portfolios leichter, da der Hersteller die Integration bereits realisiert haben sollte
  • Wenn es Probleme gibt, gibt es nur einen Ansprechpartner
  • Hersteller bieten oft auch passende Dienstleistungen an

Vendor Lock-In verspricht eine einfache Integration — aber hält es auch, was es verspricht?

Integration bei Boutique-Werkzeugen:

  • Hersteller verstehen die Bedeutung von Integration und bieten daher viele Schnittstellen an, was Flexibilität verspricht
  • Oft nutzen Hersteller Partnerschaften, um das Problem der Integration abzuschwächen. Das können externe Dienstleister sein, die sich um die Integration kümmern oder auch Reseller-Partnerschaften mit Herstellern von Integrationsplattformen
  • In der Regel ist die Qualität des Produktes deutlich besser als das von Portfolio-Hersteller. Außerdem können Kunden nach der „perfekten“ Lösung suchen, ohne im Korsett des Produktprotfolios eines Herstellers zu stecken.

Nicht verwunderlich ist es, dass Portfolio-Hersteller regelmäßig kleine Mitbewerber aufkaufen und ins Portfolio einreihen.

Die wichtigsten 6 Portfolio-Hersteller

Hier nun die Liste der wichtigsten Portfolio-Hersteller:

1. Siemens — Schwerpunkt auf klassische Entwicklung und PLM

Größe: Siemens ist mit über 70 Milliarden USD das größte der hier betrachteten Portfolio-Hersteller. Das ist aber nicht ganz fair, da Anteil von Werkzeugen nur ein Teil des Konzerns ist, bzw. auch nur ein Teil der Digital Industries Division, die immerhin noch 20 Milliarden USD Umsatz gemacht hat.

Verhalten: Aufmerksamkeit erlangte Siemens 2015, als das Unternehmen Polarion kaufte. Danach gab es einiges an Turbolenz, da Polarion mit dem eigenen Teamcenter Requirements konkurrierte. Siemens hatte kürzlich die Community mit der Ankündigung überrascht, Rhapsody von IBM als MBSE-Lösung ins Portfolio aufzunehmen, statt das eigene Werkzeug weiterzuentwickeln. Diese Entscheidung deutet darauf hin, dass Siemens seine eigene MBSE-Strategie flexibel an externe Entwicklungen anpasst.

Analyse: Durch die Partnerschaft mit IBM signalisiert Siemens, dass es keine führende Rolle in der Weiterentwicklung von MBSE-Werkzeugen übernehmen will. Stattdessen liegt der Fokus darauf, bestehende und zukünftige Kunden im CAD- und PLM-Segment optimal zu betreuen und durch strategische Partnerschaften die Kundenbindung zu stärken. Die Zusammenarbeit mit Partnern soll das Abwandern von Kunden verhindern und die Integration in bestehende Siemens-Softwarelandschaften erleichtern.

2. IBM — Die Plattform-Strategie mit OSLC als Schlüssel

Größe: IBM einen Jahresumsatz von etwa 60 Milliarden USD. Das Unternehmen hat sich in den letzten Jahren stark auf Software, KI und Cloud-Dienstleistungen konzentriert die Hardware-Sparte drastisch reduziert. Der Anteil der Systems Engineering Tools am Gesamtumsatz ist schwer genau zu bestimmen, wird aber auf einen vergleichsweise kleinen Prozentsatz geschätzt.

Verhalten: IBM hat schon immer eng mit Partnern zusammengearbeitet, die das Unternehmen über offene Schlüsseltechnologien zu binden versuchte. Das geschah vor ca. 20 Jahren mit der Entwicklung der Eclipse-Platform, und später mit der Entwicklung von Open Services for Lifecycle Collaboration (OSLC). Gerade OSLC fängt an, Fuß zu fassen. IBM nutzt OSLC für die „nahtlose“ Verbindung zwischen seinen MBSE-Tools, aber auch Werkzeugen von anderen Unternehmen. IBM sieht Systems Engineering nicht als Kerngeschäft, sondern als ein Teil eines viel umfassenderen Software- und Cloud-Portfolios.

Analyse: IBM verfolgt eine Strategie der Plattformbildung und Integration. Kein anderer Hersteller verankert OSLC als strategisches Instrument, um die Plattform zu beherrschen, und nicht nur die darin enthaltenen Werkzeuge. Diese Strategie soll Unternehmen helfen, ihre digitalen Zwillinge und KI-gesteuerte Entscheidungsfindung mit MBSE-Methoden zu kombinieren.

3. PTC — Der Browser als Integrationsplattform

Größe: PTC ist ein bedeutendes Unternehmen im Bereich Software für Produktlebenszyklus-Management (PLM) mit einem Jahresumsatz von etwa 2 Milliarden USD. Das Unternehmen hat sich regelmäßig neu erfunden, mit einer großen IoT-Initative (Thingworx-Akquise) in 2013 und seit einigen Jahren mit einem gnadenlosen Fokus auf Cloud-Technologien und SaaS-Modelle, insbesondere mit der Akquisition von Unternehmen wie Onshape, Codebeamer und Arena Solutions.

Verhalten: PTC hat in den letzten Jahren durch strategische Akquisitionen und Partnerschaften seine Position im Bereich MBSE und Systems Engineering gefestigt. Ein wichtiger Schritt war die Integration von Windchill mit MBSE-Methoden, um eine durchgängige Entwicklung von Systemen zu ermöglichen. PTC arbeitet zudem eng mit externen Partnern zusammen, um seine Lösungen mit Standards wie OSLC kompatibel zu machen und eine offene Plattform für Systems Engineering zu bieten.

Strategie: PTC verfolgt eine hybride Strategie aus organischem Wachstum und Akquisitionen, um sein Portfolio an Systems Engineering-Werkzeugen zu erweitern. Durch die enge Verzahnung von MBSE mit PLM- und IoT-Lösungen positioniert sich PTC als Anbieter einer durchgängigen Digital-Thread-Strategie. Zudem setzt das Unternehmen auf eine enge Integration seiner Werkzeuge in bestehende Cloud-Umgebungen, um Kunden die digitale Transformation zu erleichtern und langfristige Abhängigkeiten zu schaffen.

4. Dassault Systèmes — Kundenbindung durch durchgängige digitaler Entwicklung

Größe: Dassault Systèmes hat eine Jahresumsatz von etwa 5,7 Milliarden USD. Das Unternehmen ist vor allem für seine 3DEXPERIENCE-Plattform bekannt, die eine durchgängige Integration von CAD, PLM und MBSE-Werkzeugen bietet. Mit starken Marktpositionen in der Automobil-, Luft- und Raumfahrt-, sowie der Medizintechnikindustrie hat Dassault Systèmes eine breite Kundenbasis und ein diversifiziertes Produktportfolio.

Verhalten: Dassault Systèmes verfolgt eine stark integrationsorientierte Strategie und setzt auf eine enge Verknüpfung seiner MBSE-Werkzeuge mit den eigenen CAD- und PLM-Produkten. Die kontinuierliche Erweiterung derPlattform durch Akquisitionen wie No Magic (MagicDraw, Cameo Systems Modeler) zeigt, dass das Unternehmen gezielt seine Kompetenz im Systems Engineering ausbaut. Dassault positioniert sich als Anbieter einer vollständig vernetzten, modellbasierten Entwicklungsumgebung — ein klassisches Portfolio-Unternehmen.

Strategie: Die Strategie von Dassault Systèmes ist darauf ausgerichtet, eine End-to-End-Lösung für digitale Produktentwicklung und MBSE anzubieten. Gerade mit der Akquise von MagicDraw hat es im Bereich MBSE Aufmerksamkeit erreicht — die es auch gnadenlos nutzt. Durch die tiefe Integration seiner Tools schafft Dassault langfristige Kundenbindungen und erschwert den Wechsel zu konkurrierenden Anbietern — auch wenn offene Standards wie OSLC natürlich unterstützt werden.

5. Ansys—Simulationsspezialist mit wachsenden Systemmodellierungs-Ambitionen

Größe: Ansys hat einen Jahresumsatz von etwa 2,1 Milliarden USD. Das Unternehmen wurde mit physikalischen Simulationswerkzeugen groß, die in Branchen wie Automobil, Luft- und Raumfahrt, Elektronik und Gesundheitswesen eingesetzt werden. Werkzeuge für MBSE und Software kamen erst später.

Verhalten: Ansys baut ebenfalls kontinuierlich sein Portfolio durch Akquisitionen auf, allerdings oft mit Fokus auf Simulation. Doch auch MBSE-Modelle können simuliert werden, wodurch die Expansion in diese Richtung Sinn macht, die schon 2012 mit der Akquise von Esterel Technologies begann.

Strategie: Ansys ist eine Mischung aus Portfolio- und Boutique-Unternehmen. Es baut systematisch ein Portfolio im Bereich Simulation auf, bettet dies aber in beliebige Entwicklungsumgebungen ein. Durch Partnerschaften mit PLM- und MBSE-Anbietern, darunter Siemens und Dassault Systèmes, stellt Ansys sicher, dass seine Simulationslösungen in den gesamten Entwicklungsprozess eingebunden werden. Ansys versucht, sich im Systems Engineering durch die Systemsimulation unverzichtbar zu machen.

6. Altair Engineering — Simulation und KI als Treiber der Systementwicklung

Größe: Altair Engineering hat einen Jahresumsatz von etwa 532 Millionen USD mit Fokus auf Simulation und seit einer Weile auch KI.

Verhalten: Altair hat, ähnlich wie Ansys, einen starken Fokus auf Simulation und Optimierung. Das Unternehmen hat zahlreiche spezialisierte Softwarelösungen für Computer-Aided Engineering (CAE) entwickelt und akquiriert. Bekannte Tools im Portfolio von Altair sind Altair HyperWorks, Altair Inspire und Altair SimSolid, die simulationsbasierte Entwicklung und strukturelle Analysen erleichtern.

Strategie: Die Strategie von Altair Engineering konzentriert sich auf die Integration von Simulation, Datenanalyse und KI in den Produktentwicklungsprozess. Zudem investiert Altair in die Erweiterung seines MBSE-Angebots, das unter anderem durch Werkzeuge wie Altair Activate und Altair Compose unterstützt wird, indem es modellbasierte Entwicklungsmethoden in seine Simulations- und Optimierungswerkzeuge integriert. Allerdings Unterstützen diese Werkzeuge kein SysML.

Vielleicht bald mit dabei

Es gibt einige Portfolio-Hersteller, die zwar derzeit keine dedizierten Systems Engineering-Werkzeuge im Portfolio haben, aber das Potenzial besitzen, in diesen Markt vorzudringen. Diese Unternehmen verfügen bereits über verwandte Technologien oder Marktzugänge, die eine Expansion in den Bereich Systems Engineering erleichtern könnten. Dazu gehören:

  • Bentley Systems: Fokussiert sich auf Infrastruktur-Engineering und digitale Zwillinge. Die bestehende Expertise im Bereich Building Information Modeling (BIM) und digitale Simulationen könnte als Grundlage für eine Erweiterung in den Bereich Model-Based Systems Engineering (MBSE) genutzt werden.
  • Autodesk Inc.: Autodesk ist bekannt für seine CAD- und PLM-Lösungen. Durch die Integration von Systems Engineering-Methoden in bestehende Design- und Simulationssoftware könnte Autodesk ein umfassendes digitales Entwicklungsumfeld schaffen, das den Anforderungen komplexer Systementwicklungen gerecht wird.
  • Renesas: Ursprünglich mit einem Fokus auf Halbleiter und Embedded Systems, fiel das Unternehmen durch die (indirekte) Akquise von Valispace auf. Damit öffnet es sich in Richtung Anforderungsmanagement und Systemmodellierung. Damit könnte sich Mittelfristig Renesas zu einem Anbieter eine ganzheitlichen Entwicklungsplattform entwickeln.

Fazit

Einen Portfolio-Hersteller auszusuchen ist nicht einfach. Offensichtlich ist, dass alle Unternehmen versuchen werden, die Kunden eng an sich zu binden. Das ist durchaus in Ordnung, man muss sich nur von Anfang an im Klaren sein, worauf man sich einlässt. Auch wichtig: Alle behaupten, offen zu sein. Nur sind manche offener als andere…

Die Zukunft wird zeigen, ob und wie diese Unternehmen ihre bestehenden Plattformen erweitern, um in diesem wachsenden Segment erfolgreich zu sein.


Updates

Dieser Artikel stieß auf viel Resonanz. Hier sammle ich Feedback, das ich erhielt:

  • Die SE capabilities von Ex-Valispace laufen mittlerweile als „Systems and Requirements Portal“ unter der Marke Altium365. Es wird zwar auch Verbindungen zu Renesas Software Produkten geben; aber Altium (nicht Renesas) wird die Marke sein unter der die Engineering Software läuft. (Danke Marco Witzmann)
  • Mathworks ist ein weiteres interessantes Unternehmen, das im Moment an der Grenze zwischen Boutique- und Portfolio-Hersteller steht (Danke Daniel Siegl)

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