Politischer Umbruch als letzte Chance: Die digitale Transformation als Überlebensfrage für Deutschland

Die politischen Ereignisse der letzten Wochen unmittelbaren Einfluss auf Deutschland. Das Stichwort hier ist die digitale Transformation und zwar speziell in der Produktentwicklung, bzw. dem Systems Engineering. Deutschland steht noch ganz am Anfang bei dieser Transformation, die USA sind mitten drin.
Dabei spielen auch weniger sichtbare Aspekte eine Rolle: Zum Beispiel hat es kaum Schlagzeilen gemacht, dass die USA inzwischen der größte Produzent von Öl und Gas ist und damit Saudi-Arabien und Russland überholt hat.
Die geopolitischen Interessen von Trump und Musk haben unmittelbaren Einfluss auf die in Deutschland anstehende digitale Transformation und darum geht es in diesem Artikel. Und einen Weg, den ich sehe, mit der Deutschland das Ruder noch herumreißen könnte. Doch das erfordert politischen Mut.
Automobilindustrie ist sichtbar, aber nicht allein
Die in der Krise steckende Automobilindustrie wird aus zwei Gründen unter der neuen Konstellation leiden: Zum einen zeichnet sich jetzt schon ab, dass deutsche Autos in den USA von Schutzzöllen betroffen sein werden. Das ist schon deshalb nicht überraschend, weil Trump das Thema bereits 2017 bei seiner ersten Wahl zum Präsidenten angesprochen hatte.
Angela, wie viele Chevrolets haben wir in Berlin?
Donald Trump (2017)
Zumindest auf die Trump-Politik hat sich die deutsche Automobilindustrie bereits eingestellt: Ein großer Teil der deutschen Autos für den US-Markt werden bereits dort hergestellt. Der Druck wird sicher steigen, diesen Anteil zu erhöhen.
Zweitens wird Elon Musk zu einem der wichtigsten Wirtschaftsberater für Trump werden. Mit anderen Worten: Der CEO des wertvollsten Autobauers der Welt arbeitet nun eng mit dem Staatschef des nach wie vor einflussreichsten Landes der Welt zusammen. Dass dieser damit die Interessen Teslas zu Lasten der deutschen Automobilindustrie beeinflussen wird ist wahrscheinlich.
Auch wenn die Medien sich auf die Automobilindustrie eingeschossen haben, so beschränkt sich Protektionismus nicht nur auf diese Industrie. Der gesamte Mittelstand in Deutschland leidet und reagiert entsprechend: Mit Konkursen, Schließungen, was unter anderem zu einem Abfluss von Fachkräften ins Ausland führt.
Deindustrialisierung von Deutschland?
Durch die Energiekrise 2022 hat sich die Diskussion um das Thema Deindustrialisierung von Deutschland noch einmal deutlich verschärft. Allerdings wird das Thema schon seit Beginn des Jahrunderts regelmäßig auf den Tisch gebracht: Mal wegen der Finanzkrise (2008), dann in den 2010ern wegen des Klimawandels. Und nun wegen der Energiepreise. Doch das ist überzogen und nicht der einzige Grund, wie auch der Wirtschaftsdienst bestätigt.
Deutschland muss sich als rohstoffarmes Land auf seine Stärken im Humankapital besinnen. Dabei sollte ein Fokus auf die Stärkung von Aus- und Weiterbildung gelegt werden, um das Qualifikationsniveau an die neuen Anforderungen einer digitalen Industrie von Morgen auszurichten.
Wirtschaftsdienst
Es gibt eine Anzahl weiterer Ursachen. Dazu gehören neben der Digitalisierung der Industrie auch schlechte Rahmenbedingungen, von mangelndem privaten Kapital, zu viel Bürokratie auch Protektionismus und realitätsfremde Förderungen.
Die Rolle von Energiepolitik
Dennoch wurde zumindest ein Teil des Problems durch eine Energiepolitik in den 2000er und 2010er Jahren verursacht, die sich rückblickend als hochriskant herausgestellt hat. Die niedrigen Energiepreise haben viele strukturelle Probleme in Deutschland verschleiert und Produkte günstiger gemacht als sie eigentlich hätten sein müssen. Auch viele Infrastrukturprojekte, die mit der Energiepolitik verwoben sind, sind auf der Strecke geblieben. Dazu gehören insbesondere das Stromnetz (Bau von Stromtrassen) als auch die Bahn, die ja zu großen Teilen elektrifiziert ist.
Doch der Blick in die USA zeigt, dass günstige Energie auch eine transformierende Wirkung haben kann. Denn die USA haben seit Anfang der 2000er kontinuierlich das Fracking ausgeweitet. Das Ergebnis: Die USA haben inzwischen Saudi-Arabien und Russland überholt und sind der weltweit größte Produzent von fossilen Brennstoffen. Und das wird sich unter Donald Trump auch nicht ändern.
Seit 2019 exportieren die USA mehr Energie, als sie verbrauchen
The Economist
Während günstige Energie (vor dem Ukraine-Krieg) Deutschland selbstgefällig und faul gemacht hat, haben die USA den dadurch entstehenden Wert genutzt, um die digitale Transformation voranzutreiben.
Systems Engineering: Mehr Entwicklung, weniger Produktion
Die Hiobsbotschaft in den Medien ist die Schließung von mindestens drei Werken von Volkswagen. Doch das ist nun mal ein Zeichen der Zeit, egal was Donald Trump sagt: Herstellung wird zu einer „Commodity“, die eigentliche Wertschöpfung findet in der Entwicklung statt.
Ich sehe es sogar als Chance, dass Entwicklungs- und Herstellungsort oft nicht identisch sind und nicht identisch sein müssen: Die Computerindustrie hat uns das längst vorgemacht. Wie es bspw. auf Apple-Produkten so schön heißt: „Designed in California, Made in China“. Hier besteht noch die Chance, Den Ruf von „German Engineering“ wieder herzustellen.
Und der Grund, dieses Thema in diesem Blog zu positionieren: Auf viele Faktoren haben wir (Systems Engineers) wenig oder keinen Einfluss. Doch die Entwicklung ist genau der Bereich, in dem wir etwas bewegen können.
Digitale Transformation in Deutschland vorantreiben
Ich hatte eigentlich gehofft, dass diesbezüglich der Dieselskandal von 2015 eine Weckruf sein würde, wieder „Engineering made in Germany“ zu dem zu machen, was es mal war. Insbesondere, weil nur wenige Jahre zuvor 2012 Google mit einem Paukenschlag angekündigt hatte, dass Versuchsfahrzeuge zu dem Zeitpunkt bereits eine halbe Million Kilometer autonom zurückgelegt hatten. Oliver Beige hat es in dem eingebetteten Tweet schön formuliert: „Die USA haben mit den sozialen Folgen ihres Einstiegs in das Informationszeitalter zu kämpfen, während Deutschland mit den wirtschaftlichen Folgen seines Versagens zu kämpfen hat.“
Leider sind wir bei der digitalen Transformation wesentlich langsamer vorangekommen, als ich es mir gewünscht hätte. Dementsprechend sind wir unvorbereitet auf einen Präsidenten Trump, der indirekt den Druck auf Deutschland weiter erhöhen wird. Indirekt, da Deutschland immer mehr an Bedeutung verliert.
Digitale Transformation ist ein Führungsthema
Damit rede ich nicht (nur) von Unternehmensführung, sondern insbesondere auch von der Führung eines Landes (Deutschland) oder Wirtschaftsverbandes (EU). Insofern wird die Anfang nächsten Jahres neu zu wählende Regierung Signalwirkung haben: Machen wir weiter wie bisher? Werden die Populisten gewinnen? Oder schaffen wir eine Wende?
Mit der langjährigen Tradition im Bereich Umwelt ist Deutschland in einer weltweit einzigartigen Position, die drastisch steigenden Herausforderungen des Klimawandels mit einer Wirtschaftspolitik zu verknüpfen, die gleichzeitig die digitale Transformation ermöglicht. Dort sehe ich die Chance für Deutschland, nicht im Automobilsektor. Der Zug (sorry, der Bus) ist abgefahren.






