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Künstliche IntelligenzWerkzeuge

Raiqon.AI: Codebeamer-Gründer verlassen Stealth-Mode

Das Anforderungsmanagement ist eine von vielen Domänen, die durch die Anwendung von KI gerade nachhaltig transformiert wird. Heute möchte ich ein weiteres Unternehmen vorstellen, das erst kürzlich den Stealth-Modus verlassen hat. Raiqon.AI ist für mich aus mehreren Gründen interessant: Zum einen gibt es einige Ähnlichkeiten zum von mir mitentwickelten KI-Assistenten Semiant, was zumindest für mich der Idee Glaubwürdigkeit verleiht. Zum anderen wurde Raiqon.AI vom den Gründern von Intland gegründet, die Codebeamer kürzlich an PTC verkauft hatten. Dieses Team hat sowohl die Ressourcen als auch die Erfahrung, dieses Marktsegment zu transformieren.

Wer mehr über Raiqon.AI erfahren möchte, kann sich auch zum nächsten Webinar am 1. August anmelden, welches ich moderieren werde.

Bewegung im Markt für Lösungen für die Produktentwicklung

Seit Mitte der 2010er herrschte gefühlt für viele Jahre ein Stillstand im Markt für Werkzeuge für die Produktentwicklung. Die zweite Generation von Werkzeugen für das Anforderungsmanagement (Polarion, Jama, Codebeamer, DOORS Next) löste die erste Generation ab. Im Markt für Modellierungswerkzeuge waren die Platzhirschen etabliert (Enterprise Architect, MagicDraw/Cameo, Rhapsody, Simulink). Es fanden ein paar Akquisitionen statt. In anderen Domänen wie CAD oder PLM passierte auch nicht viel.

Doch Veränderungen wurden in den 2020ern sichtbar. Hinter den Kulissen begannen Unternehmer, die Produktentwicklung neu zu erfinden — Spread.ai wurde 2019 gegründet, Flow Engineering bereits 2016.

Richtig wild wurde es dann 2022, als ChatGPT auf der Bildfläche erschien. Kurz davor hatte ich die Arbeit an Semiant begonnen (welches längst bei Kunden im Einsatz ist), und auch andere erkannten die Bedeutung von KI in Produktentwicklung und Anforderungsmanagement.

Raiqon.AI

Raiqon.AI wurde erst vor ca. einem halben Jahr gegründet und trat auf der diesjährigen ReConf 2024 mit einem eigenen Stand in Erscheinung. Raiqon.AI benutzt die Plugin-Mechanismen von RE- und ALM-Werkzeugen, um in diesen nahtlos neue KI-basierte Funktionen zu integrieren.

Doch besonders interessant ist, dass das Gründerteam aus Janos und Szabi Koppany besteht. Jonas war bis zum Verkauf an PTC CEO von Intland, Szabi war CFO. Damit haben die beide nachweislich gezeigt, dass sie den Markt vor RE/ALM-Werkzeuge verstehen und dort auch erfolgreich agieren können. Ergänzt wird das Team von Geza Velkey, der bereits verschiedene KI-Produkte bei Start-ups im Silicon Valley erfolgreich zur Produktreife entwickelt hat.

Auf dem Titelbild das Raiqon.AI-Team auf der ReConf 2024 (von links): Balázs Kiss (Senior Software Architect), Géza Velkey (CTO), Szabi Koppany (CEO)

Ziel von Raiqon.AI ist es, mittelfristig die gesamte Produktentwicklungskette mit KI-gestützten Anwendungsfällen effektiver zu machen. Doch um sich gerade in der Anfangszeit nicht zu verzetteln, fokussieren sie sich auf die Domäne Automotive, das Werkzeug Codebeamer (mit PTC-Partnerschaft) und Anwendungsfälle bezüglich Anforderungsmanagement.

Enterprise-Ready

Das klingt im ersten Moment nicht neu und ist vergleichbar mit dem Versprechen von trace.space oder Semiant. Doch der Fokus ist ein anderer: Während trace.space ein komplett neues Werkzeug für Anforderungsmanagement entwickelt und Semiant den Webbrowser als übergreifende Plattform nutzt, stehen bei Raiqon.AI die Bedürfnisse von Enterprise-Kunden im Vordergrund.

Dazu gehört zum Beispiel, dass Raiqon.AI ein eigenes, domänenspezifisches KI-Modell einsetzt, dass zum einen bessere Ergebnisse liefert als ein generisches LLM und zum anderen auch auf den eigenen Servern genutzt werden kann (kein Cloud-Zwang). Auch die Skalierbarkeit zu Millionen von Elementen hat das Unternehmen bereits nachgewiesen.

Die Automobilbranche steht vor der Herausforderung, wachsende Produktkomplexität und schnellere Produktlebenszyklen mit knapperen Ressourcen an Fachkräften bewältigen zu müssen. Wir bieten mit Raiqon.AI ein erstes auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Automobilbranche zugeschnittenes Produkt, das durch die Nutzung von KI signifikante Produktivitätssteigerungen im Entwicklungsprozess ermöglicht.

Szabi Koppany

Mit einem Feature hebt sich Raiqon.AI besonders von anderen Werkzeugen ab: Die Lösung berücksichtigt Policies bezüglich Datenzugriff. Das bedeutet, dass es zwar die gesamten Anforderungen im KI-Modell verarbeitet, aber im Betrieb die Vertraulichkeit von Daten auch innerhalb der Firma berücksichtigt. Ein Mitarbeiter wird also nie Ergebnisse erhalten, die aus einem für diesen Mitarbeiter nicht zugänglichen Projekt stammen.

Zuletzt hat Raiqon.AI bereits eine TISAX-Zertifizierung erhalten, Was für OEMs und Automobillieferanten oft eine Voraussetzung für die Einführung neuer Werkzeuge ist. PoCs bei Automotive-Kunden sind am Laufen.

Webinar am 1. August 2024

Da ich die Arbeit von Raiqon.AI sehr interessant finde, habe ich mich bereit erklärt, ein Produktwebinar am 1. August 2024 zu moderieren, das wir zusammen mit PTC durchführen. Im Webinar geht es konkret um den Einsatz von Raiqon mit Codebeamer im Automotive-Umfeld. Doch die Anwendungsfälle sind nicht unbedingt Automotive-spezifisch und mittelfristig werden auch andere Werkzeuge unterstützt werden (insbesondere Jira).

Fazit

Viele haben es schon gemerkt: Seit Anfang des Jahres habe ich begonnen, interessante Start-ups unter die Lupe zu nehmen. Raiqon.AI setzt sich durch das erfahrene Gründerteam und den klaren Fokus von den Wettbewerbern ab. Daher freue ich mich darauf, das Raiqon.AI Webinar am 1. August zu moderieren und bin gespannt auf das Feedback aus der Community.

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends