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Großprojekte richtig Umsetzen: Warum eine Plattformstrategie bessere Ergebnisse liefert (Teil 1)

Was haben der iPod/iPhone-App-Store und das National Programme for Information Technology (NPfIT) gemeinsam? Das erste war ein Infrastrukturprojekt von Apple, das zweite von der Gesundheitsbehörde von Großbritannien (NHS). Bei beiden Projekten ging es um den Aufbau eines digitalen Ökosystems. Obwohl beide Großprojekte ähnlich viele Ressourcen hatten (Geld, Personal) war nur eines ein Erfolg. Während Apple inzwischen einen App-Store mit mehr als 2 Millionen Apps enthält und Milliarden an Umsatz generiert, hat NPfIT weniger als zehn Anwendungen ausliefern können, bei einer massiven Budgetüberschreitung (von £2.3 auf £12.4 Milliarden).

Bei diesem Artikel geht es nicht den Vergleich von öffentlichen und privaten Projekten. Es geht darum, wie Großprojekte organisiert werden, als einmalige Projekte oder mit einer Plattformstrategie. Das Ergebnis Wiederholbare Projekte sind in der Lage, schneller, kostengünstiger und mit einem geringeren Risiko des Scheiterns positivere Ergebnisse zu erzielen als einmalige Projekte. Dieser Artikel basiert auf der Forschung von Atif Ansar und Bent Flyvbjerg der Universität Oxford.

Dieser Artikel ist Teil 1 zu diesem Artikel, der die Forschungsergebnisse beschreibt. In Teil 2 nächste Woche geht es um konkrete Empfehlungen, die Organisationen helfen, Großprojekte besser umzusetzen.

Das Paper

Die Autoren veröffentlichten ihr Paper in 2022 unter dem Titel How to Solve Big Problems: Bespoke Versus Platform Strategies. Mit „Bespoke“ meinen die Autoren einmalige Großprojekte. Plattformen hingegen fangen klein an aber haben die Ambition, groß zu werden. Die Einleitung nimmt das Ergebnis ja schon vorweg: Mit einer Plattformstrategie erhöhen sich die Chancen auf Erfolg drastisch. Dazu gleich mehr.

Was ist überhaupt ein „Großprojekt“? (Update!)

Eine der Fragen, die ich zu diesem Artikel bekam war die Definition eines „Großprojekts“. In der Tat spiegelt dieser Begriff nicht wirklich gut die Intention des Artikels wider. Der Artikel nutzt den eher unbekannten Begriff „Bespoke“. Auf zwei Seiten erklären die Autoren im Detail, was sie damit meinen. Sie fassen das folgendermaßen zusammen:

We interchangeably use ‘bespoke’, ‘big one-off’, and ‘quantum leap’ to describe strategy designed to achieve big goals in one bold step.

How to Solve Big Problems: Bespoke Versus Platform Strategies

Es geht also nicht wirklich um die Größe des Projekts, sondern um die Größe der Herausforderung.

Case Study: Raumfahrt

Die Autoren fokussieren sich bei Ihren Untersuchungen auf die Raumfahrt, da uns diese viele große Herausforderungen bereitstellt. Auch können wir die durchgeführten Projekte leichter miteinander vergleichen, da die Rahmenbedingungen ähnlich sind. Zuletzt finden wir in der Raumfahrt auch vergleichsweise viele und zugängliche Daten, da diese oft mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden. Das trifft selbst bei von privaten Firmen durchgeführten Projekten zu, die oft zumindest teilweise öffentlich finanziert wurden.

Konkret vergleicht diese Studie die Leistung von NASA- und SpaceX-Raummissionen. Dabei werden Kosten, Kostenüberschreitungen, Time-to-Market, Zeitplanüberschreitungen und Skalierbarkeit analysiert. Die Forschung umfasst 203 Raummissionen, von denen 181 von der NASA (1963-2019) und 22 von SpaceX (2002-2021) durchgeführt wurden. Die Analyse enthüllt erhebliche Unterschiede, insbesondere in den Kosten, wobei SpaceX etwa zehnmal niedrigere Kosten hat und die Kostenüberschreitungen 80-mal niedriger sind als bei der NASA. Sensitivitätsanalysen deuten darauf hin, dass diese Unterschiede nicht auf unterschiedliche Kostenmessungen zurückzuführen sind. Trotz methodologischer Herausforderungen repräsentieren die Ergebnisse echte Unterschiede zwischen den Organisationen.

Das Ergebnis kennen wir alle SpaceX wurde 2002 noch belächelt. Inzwischen führt die Firma zwei Drittel der kommerziellen Raketenstarts durch. Die Autoren weisen mit Nachdruck darauf hin, dass es nicht darum geht, den öffentlichen Sektor herabzusetzen und die Privatwirtschaft zu stärken. Es geht vielmehr darum zu zeigen, dass plattformbasierte Projekte, unabhängig davon, ob sie von öffentlichen oder privaten Unternehmen durchgeführt werden, systematisch besser abschneiden als einmalige Großprojekte.

Kosten reduzieren

Die Autoren widmen sich ausführlich der Frage der Kosten. Dabei geht es sowohl um die Kosten für die Kunden als auch die Projektkosten.

Für Kunden ist die wichtigste Kennzahl der benötigte Dollarbetrag, um ein Kilogramm Nutzlast in ein erdnahe Umlaufbahn (LEO) zu befördern. Für die SpaceX Falcon Heavy sind dies $1.400 pro kg, etwa 2% verglichen mit dem Space Shuttle.

NASA selbst hat 2010 eine Untersuchung der Entwicklungskosten der Falcon 9 durchgeführt. Diese hat $390 Millionen gekostet. NASA schätzt, dass eine konventionelle Entwicklung derselben Rakete zwischen $1.7 und $4.0 Milliarden gekostet hätte.

Kosten beherrschen

Die Plattformstrategie von SpaceX übertrifft die der NASA auch in Bezug auf die Kostentreue, gemessen als Kostenüberschreitung gegenüber dem endgültig genehmigten Basisbudget. Das ist ein Punkt, den ich gerade in den letzten Jahren immer häufiger sehe: Organisationen haben ein riesiges Problem damit, die Kosten zu beherrschen. Die Berechenheit von Kosten und das Vermeiden von „bösen Überraschungen“ gewinnen an Bedeutung.

Die folgende Tabelle aus dem Paper zeigt die drastischen Unterschiede. Bemerkenswert ist insbesondere, wie klein die Abweichungen bei SpaceX von den geplanten Kosten sind (Standard

Budgetüberziehungen von NASA und SpaceX im Vergleich . Quelle: How to Solve Big Problems: Bespoke Versus Platform Strategies

Markteinführungszeit und Verzögerungen

Auch wenn SpaceX (und insbesondere Elon Musk) für große Versprechen kritisiert wird, deren Umsetzung länger als geplant dauert: Verglichen mit NASA ist SpaceX etwa doppelt so schnell. Das Paper geht hier ins Detail und untersucht eine Anzahl von Projekten sowohl von NASA als auch SpaceX. Zu zwei vergleichbaren Projekten, NASA Artemis und SpaceX Starship, hatte ich vor einer Weile bereits eine Analyse bereitgestellt.

Doch bei den Versprechen hakt es: Kein Projekt von SpaceX hat den Zeitplan nicht eingehalten. Bei NASA waren es immerhin 10%.

Trotzdem sind die Zahlen von SpaceX weniger extrem: Wenn SpaceX 3 Jahre verspricht, dauert es durchschnittlich 4 Jahre. Wenn NASA 4 Jahre verspricht, werden es durchschnittlich 6-7 Jahre.

Aber noch wichtiger: Durch die Plattformstrategie konnte SpaceX wesentlich schneller skalieren als NASA.

Fazit

Die Erkenntnisse in diesem Paper zeigen, wie Organisationen, egal ob öffentlich oder privat, große Probleme lösen sollten. Maßgeschneiderte Großprojekte sind nicht geeignet, Großprojekte umzusetzen. Stattdessen sollten Organisationen mit einer Plattformstrategie arbeiten Diese Strategien hinterfragen grundlegend das herkömmliche Denken über große Projekte und deren inhärentes Risiko und ermöglichen erstaunliche Leistungen in Rekordzeit. Obwohl die Vergleichsstudie sich hauptsächlich auf die Leistungen von SpaceX im Vergleich zu NASA konzentriert, gibt es klare Hinweise die zeigen, dass der Plattformansatz bereits tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft bewirkt hat. In Anbetracht von Herausforderungen wie der Klimakrise und steigender politischer Unsicherheit ist es wichtiger denn je, dass Regierungen die Herausforderungen mit minimiertem Risiko und hoher Anpassungsfähigkeit bewältigen. Die Antwort darauf ist ein Plattformansatz. Dies kann sicherstellen, dass Misserfolge wie NPfIT der Vergangenheit angehören.

Nächste Woche geht es um konkrete Empfehlungen, die Organisationen helfen, Großprojekte besser umzusetzen. Zu Teil 2 >>

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends