Warum ignorieren wir die Qualität der Traceability?

Nachverfolgbarkeit (Traceability) ist ohne Zweifel ein wichtiges Konzept im Systems Engineering. In vielen Fällen wird ein Traceability sogar vorgeschrieben, besonders im Kontext der funktionalen Sicherheit.

Doch selten wird die Qualität der Traceability hinterfragt (außer vielleicht im Audit) und noch seltener wird sie aktiv in der Entwicklung genutzt. Das ist ein Problem, denn ohne Qualität verpufft der Mehrwert der Traceability und wiegt Entwickler und Entscheider in falscher Sicherheit.

Qualität in der Traceability kaum beachtet

In einem kürzlich veröffentlichen Paper wollten Edouard Batot et. al. ein Metamodell für die Traceability erstellen. Die Idee ist nicht neu, daher begannen die Autoren damit, entsprechende Veröffentlichungen nach Traceability-Metamodellen zu durchforsten. Das Ziel war ursprünglich, einen gemeinsamen Kern aller Metamodelle zu identifizieren. Doch den Autoren fiel auf, dass kein Metamodell auf die Qualität der Traces einging.

Trustworthy traceability requires defining quality characteristics for the links.

Edouard Batot

Doch die Qualität der Traceability hat einen direkten Einfluss auf die dafür herangezogenen Anwendungsfälle. Außerdem degradiert die Qualität während der Entwicklung: Jedes Mal, wenn jemand ein Artefakt verändert, umbenennt, verschiebt oder löscht, müsste eigentlich die Traceability aktualisiert werden. Realistisch betrachtet ist das die Ausnahme, nicht die Regel.

Dieses Problem hat sich in letzter Zeit verschärft: Compliance-Vorgaben enthalten immer strengere Anforderungen an die Traceability, mit dem Ziel, die funktionale Sicherheit der Systeme sicherzustellen. Gleichzeitig steigt die Anzahl der Traces in den Artefakten der Produktentwicklung, getrieben von steigender Komplexität.

Teams führen Automatisierung für die Traceability ein, um die Compliance-Anforderungen zu erfüllen. Hier gibt es viele Ansätze, zum Beispiel Traceability basierend auf Namenskonventionen oder durch den Einsatz von KI. Doch diese Ansätze reduzieren das Vertrauen in die Qualität der Traceability noch weiter.

Qualität quantifizieren

Um dieser Situation Herr zu werden, schlagen die Autoren vor, die Qualität der Traceability als Eigenschaft der Traces mitzuverfolgen. Dazu haben Sie die Qualität zum integralen Bestandteil ihres Metamodells gemacht. Wenn wir bspw. die Wahrscheinlichkeit der Korrektheit von Traces tracken würden, dann würde zum Beispiel eine Impact-Analyse einen Vertrauensbereich enthalten.

Das klingt nach einem erheblichen Mehraufwand. Doch in einem ersten Schritt würde es helfen, die Qualität nach Ursprung zu klassifizieren: Ein Trace, der aus einem Review mit Menschen entsteht hat sicherlich eine höhere Qualität als einer, den ein KI-System angelegt hat.

Noch viel zu tun

Die Forschung steht hier noch am Anfang. Es wird noch eine Weile dauern, bis ein systematisches Verfolgen der Qualität der Traceability möglich sein wird. Doch zumindest bei Systemen, die einen hohen Anspruch auf funktionale Sicherheit legen, werden wir hier sicher etwas tun müssen.

Bildquelle: Pixabay

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends