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Enterprise Architecture mit dem TOGAF Standard: Bürokratie oder Transformationsbeschleuniger?

Christopher Schulz: Enterprise Architecture mit TOGAF: Bürokratie oder echter Nutzen?

Enterprise Architecture hat ein Imageproblem. Für viele Ingenieure und Produktteams steht der Begriff für Folien, Gremien und 800 Seiten Dokumentation, die niemand liest. Gleichzeitig kämpfen dieselben Organisationen mit langsamen Entscheidungen, undurchsichtigen IT-Landschaften und Silos, die jede Veränderung ausbremsen. Genau diese Spannung steht im Zentrum des folgenden Interviews.

Ich habe mit Christopher Schulz gesprochen, Geschäftsführer von palladio Consulting und einer der erfahrensten Köpfe im deutschsprachigen Enterprise Architecture Management. Christopher hat international über 35.000 Personen in EAM und TOGAF ausgebildet. Im Gespräch geht es um die Frage, wann Architekturarbeit zum Selbstzweck verkommt und wann sie eine Organisation tatsächlich schneller macht.

Christopher Schulz

Seit seinem Berufsstart 2007 leitet Christopher Schulz Projekte und bringt in diese die Architekturperspektive ein. Inzwischen ist er Geschäftsführer von palladio Consulting. Seine Erfahrung reicht zurück bis zu den ersten EAM-Projekten im Jahr 2008, als das Framework noch ein Monolith war. Vernetzen kann man sich mit ihm über LinkedIn.

EAM und TOGAF im Systems Engineering

Enterprise Architecture Management betrachtet eine Organisation als System. Es verbindet die Geschäftssicht, die Prozesssicht und die IT-Sicht zu einem Gesamtbild und macht die Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen sichtbar. Im Systems Engineering ist dieses Muster bekannt: Statt eines technischen Produkts ist die Organisation selbst das System unter Betrachtung, mit Elementen, Eigenschaften und Schnittstellen.

TOGAF ist das verbreitetste Framework für diese Arbeit. Weltweit sind über 170.000 Architekten für den Standard zertifiziert. Er liefert einen einheitlichen Begriffsrahmen, eine Methode für die Architekturentwicklung und eine Sammlung von Vorlagen und Checklisten. Für Systems Engineers ist TOGAF damit das, was etablierte Prozessstandards für die Produktentwicklung sind: eine geteilte Sprache und ein Werkzeugkasten, der den Start von der grünen Wiese erspart.

Interview: Warum Führungskräfte sich mit Architektur befassen sollten

Michael: Wenn wir über Wettbewerbsfähigkeit sprechen, denken viele zuerst an Produkte, Prozesse oder Technologie. Warum sollten sich Führungskräfte überhaupt mit Enterprise Architecture beschäftigen?

Christopher: Weil Enterprise Architecture Management (EAM) alle drei Sichten vereint. 😉 Mit EAM betrachten Führungskräfte ihr Unternehmen ganzheitlich: vom Geschäftsmodell, über die Marktprodukte und Fachprozesse bis zur Informationstechnologie. Fokus sind die Elemente, ihre Eigenschaften und insbesondere die Wechselwirkungen. Mit dieser Ende-zu-Ende-Sichtweise wird Strategie in Umsetzung übersetzt, organisatorische Silos aufgebrochen sowie Business und IT in Einklang gebracht.

Michael: Enterprise Architecture hat bei vielen Ingenieuren und Produktteams den Ruf, weit weg vom Tagesgeschäft zu sein. Wer braucht Enterprise Architecture tatsächlich und wer eher nicht?

Christopher: EAM betrachtet eine Organisation als System und hilft damit insbesondere vielschichtigen und dynamischen, also komplexen, Organisationen. In der Projektwelt unterstützt mich EAM durch die Denkweise in Architekturständen. Nicht das Vorhaben mit Zeit, Kosten und Umfang steht im Vordergrund, sondern das Zielbild und die notwendigen Zwischenstufen vom Ist zum Soll. Das ist wie im Hausbau. Wohin wollen wir? Wo stehen wir? Mit welchen Ausbaustufen gelangen wir schrittweise zur Zielarchitektur?

Auch in der Linienarbeit hilft EAM und sein Up-to-date Faktenfundament. Wie viele IT-Systeme haben wir? Welche Fachprozesse unterstützen diese? Welche Personen sind verantwortlich? Was ändert sich mit neuen Fachanforderungen, KI-Technologien oder Gesetzesnovellen? Das sind alles wichtige Eckdaten über die Unternehmensarchitektur. Vergleiche das mit dem öffentlichen Leben. Keiner hinterfragt hier unsere Einwohnerdatenbanken, Liegenschaftskataster oder Fahrzeugregister.

„Keiner hinterfragt im öffentlichen Leben unsere Einwohnerdatenbanken oder Fahrzeugregister. Bei der eigenen Unternehmensarchitektur sollte derselbe Anspruch gelten.“

Christopher Schulz

TOGAF zwischen Toolbox und Selbstzweck

Michael: Der TOGAF Standard ist vermutlich das bekannteste Framework für Enterprise Architecture. Was genau ist TOGAF und welchen praktischen Nutzen stiftet es?

Christopher: Tatsächlich, im EAM kommt keiner am TOGAF Standard vorbei, sind inzwischen weltweit über 170.000 Enterprise Architekten für das Rahmenwerk in Version 9 und 10 zertifiziert. Der Standard strukturiert die Architekturarbeit in meiner Organisation, schafft einen einheitlichen Begriffsrahmen und beschleunigt den Aufbau und Pflege von Architekturbeschreibungen. Ich starte als Enterprise Architect nicht auf einem weißen Blatt Papier, sondern finde in den TOGAF Kerndokumenten und Leitfäden nützliche Vorlagen, Anleitungen und Checklisten. Details und ein Überblicksvideo zum TOGAF Standard finden Deine Leser im palladio Impuls.

Michael: Kritiker sehen in TOGAF vor allem Folien, Gremien und Dokumentation. Woher kommt dieser Ruf und ist er berechtigt?

Christopher: Bis zur Version 9 war der TOGAF Standard monolithisch aufgebaut. Ein Dokument mit über 800 Seiten für alle EAM Anwendungsfälle. Schnell verkam das Framework dann zum Selbstzweck. Nicht das EAM Problem und dessen Lösung, sondern der Standard selbst stand im Zentrum der Analyse. Ich bestätige diese Framework-Zentrierung aus meinen ersten EAM Projekten im Jahr 2008.

Mit dem aktuellen modularen TOGAF Standard, 10th Edition hat sich das geändert. Wie bei einem Smartphone habe ich das EAM Betriebssystem, insbesondere die Architecture Development Method, sowie verschiedene Apps, die TOGAF Leitfäden, welche ich fallspezifisch einsetze. Der TOGAF Standard ist damit eine Toolbox von kombinierbaren und flexiblen Werkzeugen für die Architekturarbeit.

„Der TOGAF Standard ist heute wie ein Smartphone: ein Betriebssystem, dazu Apps, die ich fallspezifisch einsetze.“

Christopher Schulz

Michael: Wann wird Enterprise Architecture tatsächlich zum Bremsklotz? Welche typischen Fehler beobachtest Du in Unternehmen, die Architektur betreiben, aber trotzdem langsam bleiben?

Christopher: Gerne formuliere ich Deine Frage um und nenne drei Erfolgsfaktoren für das Gelingen von EAM. Diese basieren auf fast zwei Jahrzehnten Forschung, Beratung und Training.

  • Erstens: Unterstützung. EAM funktioniert nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern durch Begleitung und Hilfe.
  • Zweitens: Minimalität. EAM bringt nicht den Ozean zum Kochen, sondern erhebt nur die Architekturdetails, welche auf die Frage der Stakeholder einzahlen.
  • Drittens: Kontinuität. EAM ist kein Einmalprojekt von einzelnen Architekten, sondern eine kontinuierliche Einstellung der gesamten Organisation.

Weitere EAM Tipps finden Deine Leser in unserem palladio Einführungskurs, kostenfrei nach Registrierung per E-Mail.

Architektur als Beschleuniger

Michael: Bei Product Velocity sprechen wir von schnellen Entscheidungen, kurzen Feedbackzyklen, wirksamen Plattformen und hohem Wissensfluss. Wo siehst Du die größten Berührungspunkte zwischen diesen Prinzipien und einer gut aufgestellten Enterprise Architecture?

Christopher: EAM hat zu allen Aspekten mindestens einen Berührungspunkt. Entscheidungsfindung unterstützt die Disziplin durch Techniken wie die Trade-off Methode. In Sachen Feedback hat sich inzwischen ein „Just Enough Architecture“ Mindset durchgesetzt. Daher: Minimale Architekturarbeit, Rückmeldung einsammeln, Wiederholung. Plattformen sind soziotechnische Systeme aus Organisation und Technologien. Durch Architekturprinzipien und Standards sorgt EAM für eine holistische Betrachtung und Optimierung. Bei Wissensfluss verweise ich gerne auf die Architekturdarstellungen wie Business Capability Maps, IT-Systembebauungspläne oder Technologieportfoliomatrizen. Diese bringen verschiedene Stakeholder zusammen und regen die gemeinsame Diskussion, die Entscheidungen und den Fortschritt an.

Just Enough Architecture heißt: minimale Architekturarbeit, Rückmeldung einsammeln, Wiederholung.“

Christopher Schulz

Michael: Viele Leser kämpfen mit Silos und komplexen IT-Landschaften. Wie macht Enterprise Architecture diese Engpässe sichtbar, und welche drei konkreten Maßnahmen empfiehlst Du, um sie aufzulösen?

Christopher: EAM macht die Architekturelemente und ihre Beziehungen sichtbar. Damit lassen sich die Entscheidungswege Ende-zu-Ende optimieren. Gerne drei konkrete Maßnahmen für die von Dir angeführten Herausforderungen: Bei langsamen Entscheidungen empfiehlt Architekturmanagement das gezielte Aufspüren von Stakeholder-Anliegen und das Adressieren dieser mit passenden Architekturdarstellungen. Für das Aufbrechen von Silos sieht EAM das Forcieren von Interoperabilität. Wir definieren und gestalten organisatorische und technische Schnittstellen. Komplexen IT-Landschaften begegnet EAM mit Architecture Governance. Die Ziellandschaft wird vereinbart und gemeinsam weiterverfolgt. Statt Schatten-IT, Business-Wildwuchs oder Technologischer Schulden verfolgen wir die gemanagte Evolution der Organisation.

Fazit

Enterprise Architecture wird dann zur Bürokratie, wenn das Framework wichtiger wird als das Problem. Christoper Schulz zeigt, dass Enterprise Architektur, die sich an konkreten Stakeholder-Fragen orientiert, minimal bleibt und kontinuierlich gepflegt wird. Wer aus dem Systems Engineering kommt, findet hier vertraute Prinzipien wieder, nur auf die Organisation als System angewendet.

Für die Praxis heißt das: Bevor ein Unternehmen eine schwergewichtige Architekturfunktion aufbaut, lohnt der Blick auf die drei Erfolgsfaktoren Unterstützung, Minimalität und Kontinuität. Und der modulare TOGAF Standard 10 nimmt dem Framework den Vorwurf, ein 800-Seiten-Monolith zu sein. Es bleibt die Verantwortung der Architekten, die passenden Werkzeuge auszuwählen, statt alle gleichzeitig einzusetzen.

Wer tiefer einsteigen will, findet bei palladio Consulting einen kostenfreien Einführungskurs. Für den direkten Austausch ist Christopher Schulz über LinkedIn erreichbar.

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