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TdSE Keynote von Nico Michels: Ohne Systems Engineering geht es nicht!

Die Keynote des diesjährigen Tag des Systems Engineering (TdSE) wurde von Nico Michels gehalten. Er verantwortet bei Siemens Digital Industries Software den Bereich Digital Enterprise & Academics. Das Thema: Nachhaltigkeit für Unternehmen und die Rolle des Systems Engineering. Dabei lieferte er wichtige Impulse, die Entscheidern helfen, die Bedeutung von Systems Engineering für Nachhaltigkeit zu verstehen.

Fast nebenbei erwähnte er, dass IBM und Siemens nun eng zusammenarbeiten und Siemens als Reseller das Modellierungswerkzeug Rhapsody ins Werkzeugportfolio übernommen hat.

„Siemens Teamcenter Rhapsody“

Die Zusammenarbeit mit IBM im Bereich Modellierungswerkzeuge war natürlich für die Anwender im Publikum ein Paukenschlag, und nur wenigen Teilnehmern beim TdSE bekannt. Dabei ist die Zusammenarbeit nicht wirklich neu, die Pressemitteilung dazu wurde im April 2023 veröffentlicht. Aus der Zusammenarbeit soll auch eine Lösung für SysML v2 hervorgehen (einschließlich Migrationspfad). Ich bin gespannt, was sich hieraus ergeben wird.

Produzierende Unternehmen [haben] Schwierigkeiten, neue Produkte rechtzeitig auf den Markt zu bringen, da die derzeitigen Tools, Prozesse und Informationen zur Verwaltung dieser Komponenten isoliert und unverbunden sind. Um diese Lücke zu schließen, arbeiten IBM und Siemens gemeinsam an einer digitalen Thread-Umgebung, die Nachhaltigkeitspraktiken über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts hinweg integriert

Nico Michels ist Head of Digital Enterprise & Academics der Siemens Industry Software GmbH

Nachhaltiges Wirtschaften durch werthaltige Systeme

Die Keynote mit dem Titel „Sustainable Business by valuable Systems“ richtete sich an Entscheider und Vorstände, die sich oft mit der digitalen Transformation und dem Konzept der Nachhaltigkeit schwer tun. Dabei weist Nico Michels explizit darauf hin, dass es bei Nachhaltigkeit nicht nur um Umweltthemen geht. Er orientiert sich dabei an den 17 „Sustainable Development Goals“ der UN:

In seiner Rolle bei Siemens Digital Industries Software mit einem Umsatz von 20 Milliarden Euro führt er ein Team von 72.000 Mitarbeitern an, um Unternehmen bei diesen Herausforderungen zu begleiten.

Fünfeck statt Dreieck

Nico Michels spricht Unternehmer an und spricht deutlich aus, dass Unternehmer Geld verdienen müssen. Die Nachhaltigkeit muss schließlich finanziert werden. Dabei hält er das Projektmanagement-Dreieck (Zeit-Kosten-Qualität) nach wie vor für gültig. Allerdings kommen seiner Meinung nach zwei weitere Komponenten dazu: Sustainability und Regulatory Compliance. Dadurch haben wir es jetzt mit einem Fünfeck zu tun.

Quelle: TdSE Keynote (Siemens, frei verwendbar)

Am Ende steht ein „System of Systems“

Viele moderne Produkte werden ohne Systems Engineering nicht auskommen. Als Grund nennt Nico Michels, dass wir früher oder später bei einem „System of Systems“ landen werden. Auch dazu wieder eine abfotografierte Folie. Auch wenn moderne Produkte klein und eigenständig beginnen, so werden sie früher oder später „Smart“: Weil Kunden das verlangen, bzw. sich auf diesem Weg der Markt für das Produkt vergrößern lässt. Die nächsten Schritte sind dann Connektivity, dann ein Produkt-Ökosystem und zuletzt das Einbetten in ein größeres Gesamtsystem.

Quelle: TdSE Keynote (Siemens, frei verwendbar)

Zielgruppe: Industrie

Als Konsumenten sind wir diesem Trend ausgesetzt. Doch um vieles größer ist der Trend in der Industrie. Als Beispiel nannte Nico Michels die Landwirtschaft, die hier Vorreiter sind. Durch Vernetzung und intelligente Produkte konnte die Industrie Einsparungen von Düngemitteln, Wasser und anderen Ressourcen im zweistelligen Prozentbereich realisieren.

Um solche Ergebnisse zu realisieren brauchen wir Systems Engineering. Doch wie vermitteln wir das den Entscheidern und Financiers, die ein Geschäftsmodelll sehen wollen?

„Systems Engineering kann nicht falsch sein“. Aber: Besitzer fragen nach Business Model. Wie erkläre ich das dem Financier? An dieser Stelle verweist Michels auf die INCOSE Vision 2035, die sich an Entscheider richtet und diese Frage gut beantwortet. Gerade Konzepte wie die aktuellen Megatrends aus der Vision und Schlagworte wie Society 5.0 oder Industry 4.0 können hier helfen, ein Verständnis zu schaffen (auch wenn hier die Gefahr besteht, Buzzword-Bingo zu spielen). Auch müssen Entscheider die Rolle die IT verstehen und dessen Gefahr, die Organisation auszubremsen.

Die IT darf keine Behinderung sein!

Nico Michels

Die richtige Komplexität bekämpfen

Auch das Thema Komplexität kann auf Entscheiderebene leicht missverstanden werden. Organisatorische Komplexität explodiert und Entscheider haben oft den Reflex, Komplexität zu bekämpfen. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass jede Organisation eine essentieller, inhärente Komplexität hat, die für das Funktikonieren erforderlich ist. Bekämpfen müssen wir unnötige, verschwenderische Komplexität, die auf Inkompetenz, technischen Schulden oder auf politischen Entscheidungen basieren kann.

Fazit

Nico Michels spricht ein wichtiges Thema an, nämlich Entscheidern die strategische Bedeutung vom Systems Engineering zu vermitteln. Dass diese den Bedarf erkennen und Firmen wie Siemens Digital Industries für die Umsetzung beauftragen zeigt, dass die Nachricht ankommt.

Entsprechend handelt das Unternehmen auch: In den letzten Jahren hat Siemens Digital Industries Milliarden in Zukäufe investiert und die Zusammenarbeit mit IBM (Rhapsody) und der Fokus auf SysML (v1 und v2) zeigt eine klare Einstandspflicht.

Siemens Digital Industries ist nicht das einzige Unternehmen, das diesen Markt beackert. Damit Systems Engineering erfolgreich Nachhaltigkeit ermöglicht, brauchen wir nicht nur ein Unternehmen, sondern eine Bewegung.

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends