Systems Engineering Trends

Jede Woche Neuigkeiten aus der Welt des Systems Engineering

AusbildungIndustrie

Systems Engineers: Vom Ingenieur zum Multitalent

Diejenigen Leser, die schon 20 oder mehr Jahre Berufserfahrung haben, können meine Wahrnehmung sicher nachvollziehen: In meiner Jugend hatte ich einen hohen Respekt vor Ingenieuren. Deren Wissen und Fähigkeit, Technologie zu beherrschen, war nur wenigen vorbehalten. Und erforderte eine lange Ausbildung.

Das hat sich geändert: Technologie für inzwischen jedem zugänglich. Universitäten stellen ihre Kurse online ein und 3D-Drucker ermöglichen das Erstellen von Bauteilen zu niedrigen Preisen. No-Code-Plattformen machen den Einstieg in die Programmierung einfacher denn je, zu fast jeder Technologie finden sich Trainingsvideos und Online-Kurse, mit denen wir innerhalb von Tagen oder Stunden beeindruckende Ergebnisse produzieren können.

Die Karriere des Systems Engineers ist eine von mehreren Möglichkeiten, mit diesen Entwicklungen umzugehen.

Experten werden immer noch gebraucht

Man könnte fast meinen, dass Ingenieure zu Administratoren degradiert wurden, aber das entspricht nicht der Realität. Die Welt ist schließlich viel komplexer. Unter anderem brauchen wir immer noch Experten, die diese Technologien entwickeln: No-Code-Plattformen, Layoutassistenten für Schaltplatinen, 3D-Modelloptimierer und vieles mehr.

Ein Experte zu werden ist ein möglicher Weg für Ingenieure. Dabei müssen wir uns vor Augen halten, wie groß die Herausforderungen sind, um in die Top-Ränge der Tech-Branche zu kommen. In Erinnerung geblieben ist mir die folgende Frage, die mir in den 2000ern beim Ausfüllen eines Online-Profils einer Tech-Webseite gestellt wurde (ich weiß nicht mehr, welche):

In den 2000ern gab es eine Webseite für Entwickler, bei der man seine Kompetenz zu konkreten Technologien auswählen sollte. Die Optionen waren:

  • Anfänger
  • Erfahren
  • Ich habe ein Buch zur Technologie geschrieben
  • Ich habe die Technologie (mit-) erfunden

Um ein wirklicher Experte zu werden müssen wir danach streben, in unserem Bereich die oder der Beste zu werden. Neben der Option, ein Buch dazu zu schreiben haben wir heute viele andere Möglichkeiten. Aber „Buch schreiben“ (oder mitschreiben) zeigt deutlich, wo die Messlatte angesetzt werden sollte.

Nicht nur Engineering

Doch bei einem guten Ingenieur gehen die Fähigkeiten über das reine Engineering hinaus. Heute ist Entwicklung nur ein Teil des Ganzen. Verständnis für das Produkt, die Stakeholder und das Geschäft sind genauso wichtig. Erst das macht aus einem gewöhnlichen Ingenieur einen hervorragenden Ingenieur.

In der heutigen Tech-Landschaft ist es entscheidend, den Kontext, in dem wir unterwegs sind, zu verstehen. Es geht darum, die Verbindung zwischen Technologie und den realen Bedürfnissen von Kunden und Unternehmen herzustellen.

Wer diesen Punkt erreicht hat, steht an einem Scheideweg. Wir müssen die erwähnten Soft Skills aufbauen, wenn wir uns von der Masse abheben wollen. Doch dann können wir uns nach wie vor zum Experten weiterentwickeln, indem wir in einer klar definierten Nische unser Wissen kontinuierlich vertiefen.

Der Weg des Experten

Gewappnet mit dem Verständnis des Kontexts können wir nun unsere Expertise entsprechend aufbauen. Dazu gehört das Halten von Vorträgen, schreiben von Papers, vielleicht ein Youtube- oder Podcast-Kanal. Vielleicht auch das Schreiben eines Buchs oder das Erfinden einer neuen Technologie.

Typische Vertreter diese Genres sind Experten wie Linus Torwalds (Linux), James Gosling (Java) oder Stephanie Kwolek (Kevlar).

Der Weg des Systems Engineers

Nicht überraschend ist ein anderer Weg, ein Generalist zu werden. Der Fokus liegt nicht mehr ausschließlich auf dem Engineering. Die erfolgreiche Entwicklung von Produkten erfordert ein breiteres Verständnis und eine multidisziplinäre Herangehensweise. Es geht darum, die Dynamik hinter verschiedenen Bereichen zu verstehen und zu erkennen, dass Technik nicht alles ist. Und dies ist (Überraschung!) der Weg des Systems Engineers.

Das Zusammenspiel von Technologie, Geschäft und Kundenbedürfnissen wird immer wichtiger. Wir müssen ein tieferes Verständnis für die Dynamiken hinter einem Produkt und dem Unternehmen entwickeln. Die Zukunft erfordert mehr als technisches Wissen — es geht um den Kontext und das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die letztendlich den Erfolg eines Produkts ausmachen.

Fazit

Sicherlich gibt es für Ingenieure auch noch andere Möglichkeiten für den Karriereweg. Dennoch ist es wichtig zu verstehen, wie sehr sich die Welt diesbezüglich in den letzten 20–30 Jahren verändert hat. Der Weg des Systems Engineers ist nur einer von vielen, die durch diese Entwicklungen sichtbarer geworden sind. Ingenieure, die dies verstehen und sich einen Weg suchen, sich von der Masse abzuheben, sind klar im Vorteil.

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends