5 Vorhersagen zum Systems Engineering in 2021

Die Leser von SE-Trends haben sich rege an der Mitte Dezember gestarteten Umfrage beteiligt: Was wird 2021 im Systems Engineering passieren? Einige der Antworten haben mich doch überrascht, hier geht es zu den fünf Vorhersagen.

1. Bessere Werkzeuge für die verteilte Arbeit im Systems Engineering

2020 war eines der miesesten Jahre, die ich bisher erlebt habe. Und mit dieser Meinung stehe ich nicht allein: Überall herrscht Freude, dass wir dieses Jahr nun endlich hinter uns lassen. Aber ob mies oder nicht, es hat den Arbeitsmarkt nachhaltig verändert. Diese Veränderungen gehen natürlich weit über das Systems Engineering hinaus. Am sichtbarsten sind Zoom, Teams und anderen Videokonferenzsysteme.

Doch bisher hat sich dies nicht in für das Systems Engineering spezifische Lösungen widergespiegelt. Einige Leser sind überzeugt, dass sich dies in 2021 ändern wird. Wie das aussieht, steht noch nicht fest. Aber wir sollten die folgenden Bereiche genauer beobachten:

  • Werkzeugübergreifende Kollaboration: Fast jedes Werkzeug hat heutzutage eine Chatfunktion, die aber bestenfalls über verschickte E-Mails im E-Mailprogramm zusammenläuft. Mit Sicherheit werden die Portfolioanbieter (IBM, PTC, Siemens, etc.) modulübergreifende Kollaboration verbessern. Vielleicht schafft es ja auch ein Fremdanbieter, eine funktionierende Werkzeugübergreifende Lösung zu entwickeln.
  • Werkzeugübergreifende Sichten: Der Bruch zwischen verschiedenen Werkzeugen ist nach wie vor ein riesiges Problem. Ohne Meetings mit Whiteboard und Zetteln auf dem Tisch ist auch hier der Druck gestiegen (ganz unabhängig von der steigenden Komplexität). Lösungen gibt es hier bereits, beispielhaft seien hier Smartfacts und Tom Sawyer erwähnt.
  • Werkzeugübergreifende Traceability: Das Thema ist nicht neu, aber schwergewichtige Lösungen wie OSLC (offen) oder Tasktop (proprietär) kommen nicht so richtig in Fahrt. Vielleicht Zeit für etwas neues? Ansätze wie Zapier sind wesentlich leichtgewichtiger, Ansätze wie Relatics (KI) gehen neue Wege.

2. Wird 2021 das Jahr des Model Based Systems Engineering (MBSE)?

Mehrere Leser suggerierten, dass sich die Aktivitäten um MBSE beschleunigen werden. Das wird sich im Arbeitsmarkt widerspiegeln, aber auch bei den Werkzeugen. Ein Leser vermutet, dass das Variantenmanagement von Modellen weitere Verbreitung finden wird. Genannt wurde hier Lemontree für Systemmodelle oder Big Lever und Pure Variants für Anforderungsmodelle.

2021 beschert uns einen Arbeitnehmermarkt für MBSE-Jobs

Von den „großen“ Modellierungswerkzeugen ist nur noch eines unabhängig, nämlich Sparx Enterprise Architect. Hier machte ein Leser die Vorhersage, dass Sparx in 2021 aufgekauft wird. Wir werden sehen…

Ebenso wurde mehrfach SysML 2.0 erwähnt. Ich fürchte allerdings, dass viel darüber geredet aber wenig gemacht werden wird. Schließlich soll in 2021 erst einmal der Standard in einer offiziellen Version verabschiedet werden. Das bedeutet nicht, dass wir am nächsten Tag auch Werkzeuge haben werden. Viele Firmen, die lange und viel in SysML 1.x investiert haben, werden nicht mal eben wechseln.

3. Mehr Künstliche Intelligenz in Produkten und Werkzeugen

Künstliche Intelligenz (KI) wurde in zwei verschiedenen Kontexten von Lesern erwähnt. Zum einen sehen wir jetzt schon, dass immer mehr Produkte behaupten, mit KI zu arbeiten, von Heizungsthermostat bis zu selbstfahrenden Autos. Auch wenn hier viel Hype herrscht, so ist der Trend real und hat direkte Auswirkungen auf unsere Arbeit. Insbesondere erweitert sich der Scope der Entwicklung. Trainingsdaten für Machine Learning sind nun Teil des zu entwickelnden Systems und müssen entsprechend behandelt werden.

Die Hypes um Künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML) fangen gerade erst an

Der Gartner Hype Cycle 2020 zeigt KI und ML auf dem aufsteigenden Ast, vor dem Höhepunkt des Hypes

Der zweite Aspekt von KI ist der Einsatz in der Entwicklung. Hier ist das Ziel, dem Entwickler unter die Arme zu greifen. Dies untersuchte ich kürzlich im Kontext von natürlichsprachigen Anforderungen. Der Stand der Technik hat mich allerdings enttäuscht. Ich arbeite selbst aktiv an einer Lösung in diesem Bereich.

4. Automotive als Treiber von Veränderung

Interessant war auch die Vorhersage, dass die Fahrzeugindustrie einen oder mehrere Impulse liefern wird. Die Leserin konnte allerdings nicht vorhersagen, welcher Art dieser Impuls sein wird. Gerade in Deutschland hoffen wir alle, dass es ein positiver Impuls sein wird. VW hat den den Dieselskandal hinter sich gelassen und fokussiert sich auf die Elektrifizierung. Allerdings hat VW sich mit dem id.3 nicht mit Ruhm bekleckert. Auch andere große OEMs straucheln zwischen Elektrifizierung und der eigenen Neupositionierung als Mobility-Provider oder Softwarefirma. Solche Nachrichten machen mich nervös, schließlich stehen hier Menschenleben auf dem Spiel. Und die Dimension ist eine ganz andere als damals 2009-2011 beim Toyota-Skandal. Trotzdem wird wahrscheinlich 2021 das Jahr des Umbruchs in der Automobilbranche werden.

5. Mindestens ein großer Skandal

Apropos Skandal: Ein Leser wies darauf hin, dass der nächste große Skandal überfällig ist. Das könnte durchaus ein von Software verursachter Disaster mit Todesfällen sein, im Stile des Boeing 737-MAX-Skandals. Hoffen wir mal, dass unsere Automobilbranche bei der Transformation zu mehr Software nicht an der falschen Stelle spart.

Ein Skandal könnte auch durch Cybercrime ausgelöst werden. Angriffssicherheit ist immer noch ein ganz heißes Thema, das dennoch von vielen Firmen sträflich vernachlässigt wird. Durch das vermehrte verteilte Arbeiten sind viele Firmen verletzlicher für Social Engineering geworden.

Fazit

Lassen wir uns überraschen und hoffen, dass 2021 nicht nur für Systems Engineering besser wird als das vergangene Corona-Jahr!

Bildquelle: Enrique Meseguer from Pixabay

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends