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SysML v2 Plenum: An den richtigen Stellen Druck machen

Die Version 2 der Systems Modeling Language (SysML v2) sorgt zur Zeit für viel Aktivität. Der Standard wurde kürzlich verabschiedet, Hersteller arbeiten an Werkzeugen. In der Systems Engineering-Community stellen sich nun viele die Fragen: Ist die SysML v2 ein Game-Changer? Geht einfach alles weiter wie bisher? Oder wird sich der Standard sogar totlaufen, da Anwender bei v1 bleiben und Werkzeughersteller nur zaghaft den neuen Standard unterstützen werden?

Acht Experten diskutierten diese Fragen, und mehr, bei der Plenumssession zur SysML v2 beim TdSE. Panelisten waren (von links nach rechts im Bild) Daniel Siegl, Benjamin Baust, Jesko Lamm, Christoph Fischer, Bernhard Kaiser, Mike Nicolai, Bernd Rumpe und Tim Weilkiens. Ganz rechts Daria Wilke, die das Plenum moderierte.

Einführung von Tim Weilkiens

Einer der bekannten Treiber der SysML in Deutschland ist Tim Weilkiens, der auch mehrere Bücher zu SysML veröffentlicht hat. Tim gab eine kurze Einführung zur Motivation hinter der SysML v2, um den Zuschauern eine gemeinsame Wissensbasis zu geben. Dabei wies er auch noch einmal auf den langen Prozess hin, den ein internationaler Standard mit sich bringt. Der Prozess begann schon 2009 mit dem ersten Request for Information (RFI). Die Veröffentlichung wird auch erst 2024/2025 abgeschlossen sein, im Moment läuft noch die Finalisierungsphase.

Es gibt viele Gründe und Treiber für die SysML v2, doch dazu hatte ich hier bereits einiges geschrieben und Interviews geführt.

Das Plenum

Eine Folie sagt mehr als 1000 Worte — Hier noch einmal die Experten, die auf der Bühne waren. Darunter folgt dann eine Zusammenfassung der Beiträge der einzelnen Panelisten.

Die Teilnehmer des Plenums zu SysML v2 (Quelle: GfSE)

Jesko G. Lamm

Jesko G. Lamm arbeitet als Systemingenieur in der Medizintechnik und ist seit vielen Jahren aktives Mitglied von INCOSE. Sein Schwerpunkt ist Systemarchitektur, wo er Mitautor vieler Konferenzbeiträge und Bücher ist.

In der Diskussion wies er darauf hin, dass die SysML v1 sehr viel Ballast mit sich herumträgt. Die SysML v2 löst dies mit zwei Ansätzen. Zum einen basiert die SysML v2 nicht mehr auf der UML. Zum anderen wurden viele Konzepte vereinheitlicht, wodurch die SysML v2 leichter zu erlernen ist.

Jesko wandte sich eindringlich an die Werkzeughersteller, dass die Tools diese Einfachheit weitergeben müssen.

Mike Nicolai

Mike Nicolai sieht sich als Innovator mit einem breiten Spektrum an technischen und nichttechnischen Fähigkeiten. Derzeit leitet er Forschungs-, Entwicklungs- und Produktentwicklungsteams für ein neues Produkt aus dem Siemens-Simcenter-Portfolio.

Als Vertreter eines Werkzeugherstellers appellierte Mike an seine Branche, es nicht zu vermasseln. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass SysML v2-Werkzeuge besser sein werden als die bisherigen.

Mike ist davon überzeugt, dass neue Werkzeuge webbasiert und sehr kollaborativ sein werden. Der bei der v1 praktizierte dateibasierte Datenaustausch von Modellen war zwar pragmatisch, sollte aber nicht weiter verfolgt werden. Hier hat die API der SysML v2 viel Potential.

Zuletzt wies er auf die Bedeutung von domänenspezifischen Sprachen (DSLs) in der Praxis hin. Die verbesserten Möglichkeiten der SysML v2 für DSLs könnten ein wichtiger Treiber für den Erfolg sein.

Tim Weilkiens

Tim Weilkiens ist ein MBSE’er aus Leidenschaft. Er ist MBSE-Berater, Trainer, Autor vieler Bücher, Inhaber des Verlags MBSE4U und Dozent von Masterkursen. Aber noch wichtiger, er ist ein aktives Mitglied der Object Management Group. Tim hat an der ursprünglichen SysML-Spezifikation mitgewirkt und ist derzeit Mitvorsitzender der SysML v2 Finalization Task Force.

Tim erinnerte mit neuer Dringlichkeit an die Dreifaltigkeit von MBSE: Es besteht nicht nur aus der Sprache (SysML), sondern auch Werkzeugen und Methoden. Dies zu vergessen ist ein Rezept für Misserfolg.

Die Dreifaltigkeit von MBSE: Sprache/Notation, Werkzeug und Methode.

Tim Weilkiens

Tim wies im Plenum insbesondere auf die Dinge hin, die noch fehlen. Insbesondere gibt es im Moment noch kein Diagrammaustauschformat. Das war schon bei der SysML v2 oft ein Problem. Zu dem Thema gibt es auch eine GfSE-Arbeitsgruppe, der aber Ressourcen fehlen. Er appellierte an das Publikum, sich wenn möglich zu engagieren.

Bernhard Kaiser

Bernhard Kaiser ist Spezialist für funktionale Sicherheit und Systemtechnik, mit Fokus auf die Automobilbranche. Er hat Erfahrung als Entwickler eingebetteter Systeme, Projektleiter, Forscher, Sicherheitsberater. Er befasst sich mit der Verbesserung von Methoden der Sicherheitstechnik und deren Integration mit modellbasierten Entwicklungsansätzen. Er engagiert sich nicht nur bezüglich der SysML v2, sondern ist auch Mitglied des Komitees für die ISO-Norm 21448. Als Mitarbeiter von Ansys kommt auch er aus der Ecke der Toolhersteller.

Für Bernhard ist insbesondere die API ein Game Changer, der die SysML dazu befähigt, als Schaltstelle der Entwicklung zu agieren. Dies wird auch Teil der Produktstrategie bei Ansys sein. Er sieht die API als große Chance für das mächtige, aber schon etwas betagte Scade, welches ursprünglich aus den späten 1990ern stammt. Ansys plant, die nächste große Version von Scade als cloudbasierte Lösung direkt auf der SysML v2 aufzusetzen.

Christoph Fischer

Christoph Fischer kommt aus der Medizintechnik und hat einen Großteil seiner Laufbahn mit Architektur verbracht. Dabei kombiniert er Agilität und Systemdenken in der Entwicklung, von der ersten Idee bis zu End-of-Life-Themen und projektübergreifenden Projekten.

Christoph brachte auch etwas Skepsis ins Spiel: Die über 700 Seiten lange SysML v2-Spezifikation ist nicht wirklich gut für Anwender geeignet. Er brachte die wichtige Frage in den Raum: Wie sollen die Anwender den Umgang mit der Sprache lernen? Nicht für alle Unternehmen sind Schulungen der gewünschte Weg. Ist On-The-Job-Training möglich? Auch Migration sah er als großes, noch nicht zufriedenstellend gelöstes Problem.

Auf seiner Wunschliste stand „Copilot für SysML“. Das fand ich persönlich spannend, da die Vision vom Produkt Semiant meines Unternehmens genau in diese Richtung geht. Christoph sieht viele große Chancen für SysML v2, die allerdings etwas „freundschaftlichen Druck“ auf die Toolhersteller erfordern. Zu seinen Ideen gehörten domänenübergreifendes Arbeiten für Cyber-Physical Systems, Simulation sowie Integration mit anderen Werkzeugen, bis hin zu Powerpoint (wie sollen wir sonst die Entscheider erreichen?).

Bernhard Rumpe

Bernhard Rumpe ist Professor für Informatik an der RWTH Aachen. Er fokussiert sich auf den Einsatz von Modellierungssprachen in der Softwareentwicklung. Er ist Mitgründer und Editor-In-Chief des Springer International Journal on Software and Systems Modeling.

Man merkte, dass Bernhard aus dem Softwarebereich kommt, denn er sprach viel über das, was wir dort gelernt haben. Insbesondere hat die Open Source Softwarecommunity enorm Druck gemacht, was zu dem heutigen Ecosystem in der Softwareentwicklung geführt hat: Die Produktivität dort ist dank wiederverwendbarer Komponenten enorm gestiegen. Offene Bibliotheken im Systems Engineering könnten hier ein Beschleuniger sein. Allerdings weiß auch er nicht, wie wir das hinbekommen sollen. In diesem Bereich würde er gern forschen.

Wie Tim wies er auf die Dreifaltigkeit von MBSE hin und meint, dass ohne eine Änderung der Entwicklungsprozesse SysML v2 keinen Sinn macht.

Daniel Siegl

Daniel Siegl ist für das Business Development bei LieberLieber zuständig und ist als Evangelist für MBSE und Systems Engineering. Er war bereits bei SE-Trends, zusammen mit Peter Lieber, im Gespräch.

Daniel ist in einer interessanten Rolle, da sein Unternehmen kein SysML v2-Modellierungswerkzeug entwickelt, sondern Erweiterungen, die ein Partner-Werkzeug (Enterprise Arcitect) effektiver machen. Diese Erweiterungen gleichen die Schwächen im Werkzeug aus. Daher hat er auch ein extrem gutes Verständnis für die Probleme der Anwender. Er ist hochmotiviert, aber als kleiner Toolhersteller hat sein Unternehmen nur wenige Optionen.

Dementsprechend wendete er sich auch direkt an die Anwender im Publikum und wies uns darauf hin, dass die Anwender es sind, die noch am ehesten auf die Hersteller Einfluss nehemen können.

Liebe Anwender, wenn Ihr Interoperabilität wollt, müsst Ihr Druck machen. In drei Jahren ist es zu spät, dann könnt Ihr nur noch jammern.

Daniel Siegl

Er gab auch den Anwendern sehr konkreten Rat an die Hand. Insbesondere warnte er davor, die textuelle Notation misszuverstehen. Diese ist auch „nur“ eine Sicht auf das Modell, nicht das Modell selbst. Und dementsprechend sollte diese auch nicht für die Versionierung in git genutzt werden, um dann Konflikte mit WinMerge aufzulösen. Das geht nicht!

Weiterhin appellierte er, jetzt schon mit der Vorbereitung auf eine Migration zu beginnen. Inkonsistente oder invalide Modellierung werden ein großes Hindernis für eine spätere Migration sein.

Zuletzt machte er sich große Sorgen über die Validierung der Modellierungsrichtlinien, um eine SysML v2-Konformität sicherzustellen. Auch hier kam ein Aufruf, dass die Finanzierung für entsprechende Arbeiten (im Rahmen von OMG oder GfSE) fehlen würden. Vom Aufwand her würde hier ein niedriger fünfstelliger Eurobetrag fehlen. Falls also ein strategisch an SysML v2 interessiertes Unternehmen hier Geld in die Hand nehmen möchte, gerne Daniel oder GfSE ansprechen.

Benjamin Baust

Benjamin Baust arbeitet für Bosch und kommt aus der Fahrzeugsystemtechnik. Er hat als System- und Software-Ingenieur für mehrere eingebettete Steuerungssysteme gearbeitet – immer mit einem starken Interesse an Modellierung, Simulation und Entwicklungsmethodik. In seiner jetzigen Rolle arbeitet er an modellbasierten System-Engineering-Methoden mit dem Fokus auf die digitale Transformation im Systems Engineering. Benjamin ist damit ein Anwender, dessen Unternehmen groß genug ist, um Druck auf die Toolhersteller auszuüben.

Für Benjamin war die textuelle Notation ein wichtiger Aspekt der SysML v2. Das Interesse kam, nicht überraschend, insbesondere aus den softwarenahen Bereichen. Er wies darauf hin, dass in seinem Umfeld viel mit PlantUML gearbeitet wird. Dabei wird PlantUML auch viel für die Generierung von Diagrammen eingesetzt.

Bezüglich der Umsetzung, also der Einführung und Einsatz von SysML v2, sieht er noch viele Fragezeichen. Da wünschte er sich mehr Informationen von den Herstellern. Für ihn wichtig war die Frage nach gemischten Arbeitsabläufen, also die Mischung von grafischer und textueller Modellierung. Die Experten bestätigten, dass dies (und mehr, siehe DSL oben) mit SysML v2 möglich sei.

Daria Wilke

Am Ende noch ein Dankeschön an Daria Wilke, die die Diskussion hervorragend geführt hat. Daria ist stellvertretende Vorsitzende der GfSE sowie Doktorand am Fraunhofer IEM im Bereich Systems Engineering.

Daria Wilke beim TdSE 2023 (Bild: GfSE)

Fazit

Das Plenum war eine gute Mischung aus Werkzeugherstellern, Anwendern, Beratern und Vertretern der Lehre. Die Diskussion zeigte, dass der Erfolg von SysML v2 noch lange nicht gesichert ist. Jetzt sind insbesondere die Anwender gefragt, den Werkzeugherstellern an den richtigen Stellen druck zu machen.

Bild: GfSE

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends