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Polarion-Frühjahrstagung: Interessante Entwicklungen bei Siemens

Ich hatte das Vergnügen, letzte Woche an der Polarion-Frühjahrstagung teilzunehmen. Die meisten Leser wissen sicherlich, dass Polarion ein web-basiertes Werkzeug für Anforderungsmanagement ist.

Der Fokus der Veranstaltung war Systems Lifecycle Management, weshalb es dort um weit mehr als nur Polarion ging. Insbesondere gibt es bei Siemens, dem Hersteller von Polarion, einige interessante Entwicklungen.

Polarion: Werkzeug für Anforderungsmanagement

Polarion ist eines der vier „großen“ Werkzeuge für web-basiertes Anforderungsmanagement (die anderen drei sind DOORS Next, Jama Connect und Codebeamer). Natürlich gibt es noch viele andere. Diese bezeichne ich als „groß“, weil sie den Markt beherrschen und Features haben, die für komplexe, sicherheitskritische Entwicklungen erforderlich sind.

Polarion wurde 2015 von Siemens aufgekauft und hat damit den Trend fortgeführt, unabhängige Werkzeuge in das Portfolio eines Konzerns einzureihen. Dem Trend folgend hat letztes Jahr PTC Codebeamer gekauft. DOORS Next war von Anfang an eine Entwicklung von IBM, womit von den oben genannten nur noch Jama Software unabhängig ist.

Unternehmen, die ein Anforderungsmanagementwerkzeug einsetzen, benötigen in der Regel noch eine Reihe weiterer Werkzeuge, die in der Produktentwicklung zusammenwirken. Insofern ist es nachvollziehbar, dass Werkzeughersteller den Kunden über ihr Portfolio eine Komplettlösung anbieten wollen. Siemens ist da keine Ausnahme und hat die entsprechende Werkzeugpalette im Angebot.

Keynotes der Polarion-Frühjahrstagung

Die Frühjahrstagung ist eine inzwischen gut etablierte Veranstaltung, die von der PLM Benutzergruppe e.V. in veranstaltet wird. Der Verein hat viele Arbeitsgruppen, eine davon mit dem Schwerpunkt Polarion. Diese Arbeitsgruppe organisiert nun schon seit vielen Jahren diese gut besuchte Frühjahrstagung.

Auch wenn die Besucher fast alle Polarion im Einsatz haben, so ging es letzte Woche um weit mehr. Denn Anforderungsmanagement ist nur ein kleiner Teil vom Systems Lifecycle Management. Das zeigten auch die zwei hochkarätigen Keynotes der Veranstaltung:

Chantal Sinnwell von Siemens berichtete über die Vision ihres Unternehmens, die Herausforderungen der Kunden zu lösen. Hier muss ein Umdenken in den Unternehmen stattfinden. Passende Werkzeuge sind nur ein kleiner Teil der Lösung, genauso wichtig sind  Geschäftsprozesse, Methoden, Fähigkeiten und Datenmanagementansätze.

Christian Muggeo, bekannt durch den MBSE-Podcast, brachte in seiner Keynote die Bedeutung von Modellierung ins Spiel. Denn nur mit Modellen können wir Entwicklungsdaten über den Lebenszyklus hinweg effizient nutzen.

Teamcenter als Backbone von Siemens

Die Ursprünge von Siemens Teamcenter kommen aus den späten 1980ern, Wobei Siemens den Namen Teamcenter offiziell erst in den frühen 2000er Jahren einführte. Teamcenter wird oft als PLM-System wahrgenommen. Theoretisch sollte es damit den gesamten Systemlebenszyklus abdecken. In der Praxis bewegt es sich aber primär im Stücklistenmanagement (Bill of Materials), also der Verwaltung mechanischer Produktdaten.

Das Versucht Siemens schon seit einer Weile zu ändern und baut Teamcenter systematisch als eine Plattform auf die zum Einen Module für bestimmte Aktivitäten bereitstellt (bspw. V&V) als auch Integrationen bereitstellt, bspw. für CAD.

Verwirrend wird es, da Siemens mit Teamcenter Requirements auch eine Komponente für das Anforderungsmanagement bereitstellt. Polarion hingegen kann in Teamcenter integriert werden, wird von Siemens aber als Werkzeug für Application Lifecycle Management (ALM) positioniert. Das ist alles recht verwirrend, da Teamcenter Requirements und Polarion letzten Endes doch sehr viele Gemeinsamkeiten haben.

Siemens und IBM arbeiten zusammen

Bereits im April kündigte Siemens eine engere Zusammenarbeit mit IBM an. Insbesondere fehlt Siemens eine Komponente für die Systemmodellierung. Diese Lücke füllt IBM mit Rhapsody. Beim Tag des Systems Engineering 2023 stellten Siemens und IBM das Konzept im Detail vor und erklärten auch, dass Siemens als Reseller für Rhapsody agieren würde.

Auf der Polarion-Frühjahrstagung gab es dementsprechend auch einen weiteren Vortrag von Siemens (von Alexandre Soisson), der insbesondere auf die Pläne bezüglich Systems Lifecycle Management und SysML einging. Er kündigte an, dass eine Nachverfolgbarkeit zwischen Rhapsody und Polarion in Arbeit sei—und hoffentlich auch bald erhältlich.

Alexandre betonte auch, wie oben schon angedeutet, dass Teamcenter das Rückgrad für System Lifecycle Management werden soll. Allerdings sieht er hier den Fokus eher bei V&V als bei der Systemmodellierung.

Die Plattformstrategien der Portfolio-Unternehmen

Es wird spannend zu beobachten, wie schnell und wie gut Siemens es schaffen wird, diese Vision zu realisieren. Insbesondere kann ich schwer einschätzen, ob die Basis von Teamcenter inzwischen modernisiert wurde oder immer noch auf dem ursprünglichen Teamcenter basiert.

IBM’s Plattform (Jazz) ist zwar deutlich jünger (seit 2008), allerdings hatte sich IBM gerade in der Anfangszeit damit schwer getan. Doch DOORS Next, zum Beispiel, welches auf Jazz basiert, läuft inzwischen rund. Auch bei OSLC hat IBM Durchhaltevermögen gezeigt und ich sehe immer mehr Interesse an OSLC im Markt. Trotzdem hat IBM, wie Siemens, noch ein weiteres, altes Werkzeug für Anforderungsmanagement im Portfolio, das „klassische“ DOORS.

Auch PTC hat ein ähnliches Vorgehen wie Siemens: PTC kommt ebenfalls aus der PLM-Welt. Erst vor zwei Jahren hat PTC ein modernes Anforderungsmanagementwerkzeug gekauft (Codebeamer) und ist jetzt dabei, es zu integrieren. Auch PTC bedient zur Zeit noch mit dem Legacy-Werkzeug Integrity das Anforderungsmanagement.

Interessant ist in diesem Zusammenhang Dassault, das mit dem Aufkauf von No Magic ein klares Signal bezüglich Systemmodellierung und MBSE gesetzt hat. Gleichzeitig fehlt Dassault ein vernünftiges Werkzeug für das Anforderungsmanagement (ein möglicher Käufer für Jama Software…?).

Fazit

Wenn es bei der Polarion-Frühjahrstagung nur um Polarion gegangen wäre, dann wäre der Nutzen für mich begrenzt gewesen. Doch mit dem Fokus auf Systems Lifecycle Management hat die Veranstaltung einen großen Mehrwert zum aktuellen Diskurs beigetragen.

Dazu kam noch das Treffen von alten Bekannten, der Austausch mit neuen Personen und ein gelungener Rahmen, der von der Voith Group in Heidenheim bereitgestellt wurde. Alles in allem eine sehr gelungen Veranstaltung.

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends