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Jama Software für 1,2 Milliarden USD verkauft

Jama Software ist Hersteller eines Werkzeugs für Anforderungsmanagement. Da ich für fast vier Jahre für das Unternehmen tätig war, bin ich natürlich sehr an dieser Entwicklung interessiert. An wen wurde Jama verkauft und was bedeutet die Akquisition für das Systems Engineering? Darum geht es heute.

Von Holding zu Holding

Verkauft wurde Jama an Francisco Partners, eine private Beteiligungsgesellschaft, die sich auf Investitionen in Technologie- und technologiegestützte Dienstleistungsunternehmen konzentriert. Damit unterscheidet sich diese Akquisition wesentlich von denen, über die ich über die Jahre berichtet hatte. Viele Akquisitionen waren strategischer Art, bei denen ein Werkzeug für einen Aspekt der Produktentwicklung in das Portfolio eines größeren Unternehmens wie PTC, IBM, Siemens oder Dassault aufgenommen wurde.

Bemerkenswert ist, dass es sich beim Verkäufer (zumindest dem größten Anteilsinhaber) ebenfalls um eine Beteiligungsgesellschaft handelt, nämlich Insight Partners, die 2018 200 Millionen USD in Jama investiert hatten, was quasi eine Akquisition war.

Jama seit 2018 Akquisition

Zumindest grob gerechnet hat sich der Wert von Jama in sechs Jahren, seit der Akquisition durch insight Ventures, versechsfacht. Die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen sind leider nicht öffentlich, also Umsatz, ARR und ähnliches. Allerdings hat Jama regelmäßig neue Features und Verbesserungen veröffentlicht. Das Bild, das sich daraus ergibt, ist eher evolutionär als revolutionär. Daher vermute ich, dass die Umsatzzahlen in den vergangenen sechs Jahren drastisch gestiegen sein müssen.

Hier ist eine Zusammenfassung der wesentlichen Neuigkeiten in den letzten sechs Jahren:

  • Anforderungsqualität: Ein optionale Erweiterung bewertet die Qualität von Anforderungen mit Natural Language Processing (NLP).
  • Integration: Neue Integrationsmöglichkeiten mit Jama Connect Interchange.
  • Risiko- und Gefährdungsanalyse: Features wie Preliminary Hazard Analysis (PHA) und Failure Mode and Effects Analysis (FMEA) mit Fokus auf Standards wie ISO 14971 und IEC 60812.
  • Anforderungserstellung: Jama hat endlich einen „echten“ Dokumentenmodus eingeführt, der das Editieren im Kontext ermöglicht.
  • Wiederverwendung und Baseline Management: Die bestehende Funktionalität wurde ausgebaut.
  • Testmanagement: Die Sichtbarkeit von Testergebnissen in Verbindung mit Anforderungen für einen besseren Kontext wurde erhöht.
  • Review Center: Hier wurden mehrere Verbesserungen eingefürt, insbesondere bezüglich des Reviews von Testplänen.

Warum eine weitere Holding?

Der Verkauf an eine weitere Holding zeigt, dass es zur Zeit kein interessiertes oder passendes Unternehmen gibt, das sich Jama leisten könnte. Bis zu dem Zeitpunkt, als PTC intland (Codebeamer) gekauft hatte, hätte ich auf PTC als interessierten Käufer getippt. IBM (DOORS Next) und Siemens (Polarion) kamen nicht in Frage, denn beide Unternehmen haben ja bereits mehr als ein Werkzeug für Anforderungsmanagement im Portfolio („Classic“ DOORS bzw. Teamcenter Requirements).

Ein anderes interessiertes Portfolio-Unternehmen wäre vielleicht noch Dassault gewesen. Auch ein Tech-Unternehmen wie Microsoft, dass in den letzten Jahren verstärkt in der Produktentwicklung unterwegs war, wäre ein Kandidat gewesen.

Doch wie wir jetzt sehen, war der Preis von Jama für viele Portfolio-Unternehmen einfach zu hoch, um eine strategische Akquise zu rechtfertigen. Bei einer Holding sieht das anders aus, denn zum Geschäftsmodell von Insight Partners gehört es, Unternehmen nach ein paar Jahren wieder profitabel abzustoßen. Bei Franciso Partners sieht das sicher ähnlich aus.

Synergien im Portfolio — Perforce?

Eine andere Möglichkeit ist natürlich, dass Francisco explizite Synergien im eigenen Portfolio nutzen will, also mehrere Portfolio-Unternehmen zusammenführen könnte. Beim Stöbern durch das recht umfangreiche Portfolio stieß ich auf Perforce, was ich übrigens schon 2001 mal eingesetzt hatte.

Allerdings hat Perforce bereits eine Lösung für Anforderungsmanagement, nämlich Helix ALM. Das überrascht zwar, allerdings positioniert sich das Produkt, wie der Name schon sagt, für ALM. Dennoch unterstützt Helix Anforderungsmanagement, Traceability und viele andere Features aus dem Bereich.

Andererseits haben auch IBM, PTC, Siemens und Atlassian Redundanzen in ihren Portfolios. Das ist also kein Ausschlusskriterium.

Fazit

Mich freut, dass Jama nun zu einem beeindruckenden Preis verkauft wurde. Auch wenn mich überrascht, dass der Käufer eine Holding ist, so zeigt dies dennoch, dass Jama in einer anderen Liga spielen möchte. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringen wird.

Bild: Flickr / Hypnotica Studios Infinite

Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends