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Innovation im Werkzeugmarkt: Warum ist es so schwer?

Innovation im Werkzeugmarkt: Warum ist es so schwer?

In meinem Vortrag auf der diesjährigen ReConf setze ich mich mit einem Paradox auseinander, das viele Menschen in der Produktentwicklung frustriert: Warum gibt es so wenig Innovation im Werkzeugmarkt? Und kann KI den Werkzeugmarkt beleben? Schließlich stammen viele Werkzeuge, die wir heute noch nutzen, aus dem letzten Jahrhundert: Classical DOORS (1991), Simulink (1990), AutoCAD (1982), MagicDraw/Cameo (1998).

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In diesem Artikel geht es weniger um KI (wie beim ReConf-Vortrag) sondern um die Frage nach Innovation im Werkzeug-Ökosystem im Allgemeinen, wobei KI nur einer von vielen Treibern ist:

  • Case Study: Anforderungsmanagement — Markt stagniert trotz neuer Webtools – alte Tools bleiben im Einsatz.
  • Vergleich: Software-IDEs — Softwaretools entwickelten sich rasant und oft kostenlos weiter.
  • Unterschiede: Kultur, Wertschöpfung, Geschäftsmodell — Innovationsbremse durch geschlossene Kultur, Compliance-Fokus und indirekte Wertschöpfung.
  • Ist mehr Innovation in der Produktentwicklung möglich? — Vorsichtiges ja, Vorbilder und Wettbewerbsdruck schaffen Impulse.
  • Innovation in der Produktentwicklung — Die Treiber sind Agilität, KI, SysML v2, API-First, Webtechnologien.
  • Was fehlt: Ökosysteme — Es mangelt an offenen Komponenten wie in der Softwarewelt.

Case Study: Anforderungsmanagement

Der Markt für Werkzeuge im Anforderungsmanagement (RE-Tools) ist ein gutes Beispiel für das Marktgeschehen. In den 1990ern erschien ein Dutzend Werkzeuge auf dem Markt, von denen es einige auch noch gibt (bspw. DOORS, CORE, Visure oder Cradle). Diese waren allesamt Desktopanwendungen, wobei einige inzwischen auch eine Weboberfläche bekommen haben.

In den späten 2000ern gab es dann eine weitere Welle von webbasierten Werkzeugen, wie Polarion, Jama Software, DOORS Next und Codebeamer. Diese Werkzeuge waren allesamt webbasiert, hatten bessere Usability, waren aber ansonsten den Produkten aus den 1990ern sehr ähnlich.

Seit kurzem scheint sich endlich wieder etwas zu bewegen, insbesondere getrieben durch KI und Modellierung. Kandidaten aus dieser Domäne sind trace.space, Valispace oder Flow Engineering. Dazu gleich mehr.

Der Großteil der Werkzeuge ist eher hochpreisig, mit jährlichen Lizenzkosten im hohen vierstelligen bis mittleren fünfstelligen Bereich für ein Team mit zehn Mitarbeitern.

Doch wir dürfen nicht vergessen: Nach wie vor werden Word, Excel, Powerpoint für das Anforderungsmanagement benutzt. Auch Werkzeuge aus der Softwareentwicklung, wie Confluence, Azure DevOps oder Wikis werden oft eingesetzt. Für einfache oder kleine Projekte funktioniert das durchaus.

Vergleich: Software-IDEs

Der Kontrast in der Softwareentwicklung könnte zum Anforderungsmanagement nicht drastischer sein: In den 1990ern waren teure Werkzeuge wie Turbo Pascal/Turbo C oder Symantec Cafe weit verbreitet, die Alternative waren Texteditoren wie Emacs oder vi.

2001 änderte sich das drastisch, als IBM die Softwarewelt mit dem quelloffenen und kostenlosen Eclipse überraschte. Das machte es anfangs für die kommerziellen Anbieter schwer, die sich dennoch durch ein überragendes Angebot behaupten konnten, wie bspw. JetBrains (IntelliJ).

Seitdem ging es rasant weiter: Neben IDEs kamen immer mehr Werkzeuge in das Ökosystem für die Softwareentwicklung, viele ebenfalls kostenlos und teilweise Open Source: Code Repositories (Subversion, git), CI/CD-Infrastruktur (Jenkins, Maven). Neben Werkzeuge kamen auch Plattformen und Dienste hinzu, wie gitHub, Jira und viele mehr. Vieles von dem, was den Nutzern oft kostenlos angeboten wurde, war hochinnovativ. Als letztes Beispiel hatte ich hier vor kurzem Cursor AI vorgestellt.

Unterschiede: Kultur, Wertschöpfung, Geschäftsmodell

Diese Unterschiede lassen sich durch drei Aspekte erklären. Dabei bleibe ich bei den zwei Beispielen RE-Tools bzw. IDEs:

  • Kultur: Offen vs. Geheim: Software kostet quasi nichts in der Vervielfältigung, wenn sie einmal erschaffen wurde. Das ist einer der Gründe für die starke Offenheits-Kultur in der Softwareentwicklung. In der Produktentwicklung geht es kaum ohne Investition, teils große (Produktionsmaschinen, Material, etc.). Außerdem ist die Sorge vor IP-Verlust oft hoch.
  • Treiber: Compliance vs Neugier: Die Anschaffung von RE-Tools ist fast immer durch Compliance getrieben, wodurch die Kosten an Bedeutung verlieren. Im Gegensatz dazu ist der Treiber bei IDEs der Wunsch an mehr Effizienz, aber häufig auch Neugier. Gerade die Neugier nutzen Anbeiter mit Freemium-Modellen.
  • Wertschöpfung: Direkt & Sofort vs. Indirekt & spät: Mit einer IDE ist der Anwender einen Schritt vom funktionierenden Produkt entfernt (der compilierte Code ist lauffähig). Im Gegensatz dazu stehen zwischen RE-Tool und dem fertigen Produkt viele Zwischenschritte. Auch vergeht zwischen Arbeit an den Anforderungen und dem ersten Prototypen viel Zeit. Dadurch ist der gefühlte Wert für die Wertschöpfung weniger ausgeprägt.
  • Marktgröße: Fakor 2 Unterschied: Laut Data Bridge hat der Markt für Anforderungsmanagementwerkzeuge eine Größe von etwa USD 1,5 Milliarden in 2025. Der Markt für IDEs ist laut Verified Market Research fast doppelt so groß.

Ist mehr Innovation im Werkzeugmarkt für Produkte möglich?

Bezüglich Innovation in der Produktentwicklung stellen sich uns zwei Fragen. Werden wir trotz dieser Unterschiede demnächst mehr Innovation sehen? Und werden sich diese Unterschiede vielleicht auflösen?

Meine Antwort ist ein qualifiziertes ja zu beiden Fragen. Qualifiziert, da im Moment noch offen ist, ob Europa schnell genug agieren wird.

Hardware und Elektronik werden langsam wie Software

Der 3D-Druck hat jetzt schon die Produktion stark transformiert. Für wenig Geld kann sich jeder einen 3D-Drucker leisten, der zumindest für viele Prototypen und MVPs akzeptable Ergebnisse liefert. Für eine höhere Qualität können wir online Teile aus den verschiedensten Materialien bestellen, die zwei Tage später in der Post ankommen.

Auch bei Elektronik tummeln sich viele Anbieter, die für kleines Geld Platinen herstellen und bestücken. Für Prototypen können günstige Ein-Platinen-Computer eingesetzt werden.

Damit sind wir zwar nicht bei den Null-Euro-Kosten für die „Produktion“ von Software, aber bei Kosten, die auch für einen Hobbyisten bezahlbar sind. Zumindest PTC hat mit der Akquise von OnShape (CAD/3D-Druck) eine Strategie der Softwareentwicklung kopiert: Das webbasierte Werkzeug ist für nicht-private Projekte kostenlos.

Innovation trotz Unterschiede

Meiner Einschätzung nach schrumpfen die Unterschiede nur langsam. Dennoch habe ich die vorsichtige Hoffnung, dass wir trotzdem in der nächsten Zeit mehr Innovation sehen werden. Die Gründe:

  • Andere machen es vor: SpaceX hat mit selbstlandenden Boostern im großen Stil gezeigt, das Unternehmen entwickelt die Raptor-Triebwerke im 2-Tages-Rhytmus weiter. Innovation kopieren ist weitaus leichter als etwas zu versuchen, bei dem noch nicht bewiesen ist, dass es funktioniert.
  • Wettbewerbsdruck: China-Speed ist aktuell ein Schlagwort, dass die ausdrückt, dass Geschwindigkeit überlebensnotwendig ist. Doch die klassischen Ansätze reichen dafür nicht aus. Daher schauen sich Produktfirmen vermehrt nach neuen, innovativen Lösungen um.

Innovation in der Produktentwicklung

Ich berichtete hier schon mehrfach über interessante Startups, die das Potential haben, die Produktentwicklung zu transformieren. Diese fallen in zwei Klassen: Innovativ und offen.

Die Treiber, die ich für Innovation im Werkzeugmarkt sehe sind (immer noch) Agilität, KI, SysML v2, API-First und Webtechnologien.

Was alle hier vorgestellten Produkte gemeinsam haben: Sie sind alle webbasiert.

Innovation im Werkzeugmarkt durch neue Ideen

  • Spicy: MBSE, aber nutzerfreundlich und ohne SysML
  • Flow Engineering: Nahtlose Modellintegration
  • Valispace: Parametrische Verknüpfung von Komponenten
  • Raiqon: Mit KI Beschleunigen, ohne Werkzeuge und Teams umbauen zu müssen
  • Trace.Space: Webbasierte Requirements mit KI

Innovation im Werkzeugmarkt durch offene Plattformen

  • SysON: Offene, webbasierte SysML v2-Plattform
  • OnShape: CAD für Open Source-Projekte
  • SimScale: Simulation im Browser

Was fehlt: Ökosysteme!

Aber was die Softwareentwicklung wirklich beschleunigt hat ist das riesige Ökosystem aus einfach zu nutzenden Komponenten.

Etwas wirklich vergleichbares sehe ich in der Produktentwicklung nicht. Lediglich:

  • Für die verschiedenen Bereiche haben sich inzwischen Standards für den verlustfreien Datenaustausch etabliert (ReqIF für Anforderungen, STEP für CAD, etc.)
  • Normen und Standards (ISO, DIN, etc.) spielen eine große Rolle für Wiederverwendung, Langsam verbessert sich hier auch die Nutzbarkeit (bspw. bietet DIN nun Normen im ReqIF-Format an)

Aber von einem lebendigen Ökosystem von Systemkomponenten wie bei npm (node package manager) oder pip (Python) sind wir meilenweit entfernt.

Mein ReConf-Vortrag: Belastbare Wünsche aus der Praxis

Zum Schluss noch die Einladung, mich bei meinem Vortrag auf der ReConf am 7. Mai um 11:45 zu treffen. In diesem Vortrag versuche ich, den KI-Hype ein bisschen in der Realität zu verankern. Ich hatte mich schon vor dem Zeitalter „vor ChatGPT“ mit KI im Systems Engineering auseinandergesetzt und harte Fakten in über 100 Stakeholdergesprächen gesammelt. Seitdem habe ich weitere Kundenbefragungen durchgeführt und auch an vielen öffentlichen und nicht-öffentlichen Debatten teilgenommen.

Wenn ich die Anwender gefragt hätte, hätten sie gesagt: Ein schnelleres DOORS

Michael Jastram, Vortrag ReConf 2025

Ich würde mich freuen, Dich in München zu treffen!

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