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Warum geschriebener Text wichtiger ist denn je

Die Möglichkeiten moderner Kommunikation sind fast ohne Grenzen. Neben Echtzeitvideo, Jamboards, Sprachnachrichten und vielen anderen Möglichkeiten erscheint das geschriebene Wort fast kurios. Doch beim genaueren Hinsehen stellen wir fest, dass geschriebener Text nicht an Bedeutung verloren hat. Und nicht nur das: Zwar haben viele Arten der digitalen Kommunikation in der Pandemie zugenommen, doch das geschriebene Wort hat nach wie vor einen besonderen Stellenwert. Das bestätigen unter anderem Jeff Bezos (Amazon) und Andrew Bosworth (Meta/Facebook).

Powerpoint bei Amazon verboten

Vor ein paar Jahren hat Amazon-Gründer Bezos für Aufsehen gesorgt, da er den Einsatz von Powerpoint verboten hat, zumindest in internen Meetings. Als Ersatz fordert er Besprechungsdokumente, die Teilnehmer vor dem Meeting lesen müssen. Dieses Vorgehen spart enorm viel Zeit: Zum einen nehmen wir auf diese Weise Informationen schneller auf als in einem Vortrag, zum anderen macht das Dokument die Teilnahme für viele Personen optional. Dann verliert das Meeting die Bedeutung für die Wissensvermittlung (das macht das Dokument) und wird ein Forum für die Diskussion, an der nicht alle teilnehmen müssen.

Auch Andrew Bosworth, Technischer Direktor bei Meta für AR/VR, sieht das ähnlich und hält Schreiben essenziell für einen funktionierenden Denkprozess. Er ist dabei nur einer der prominentesten Vertreters der Idee: „Writing is Thinking“.

Writing is Thinking

Peter Pathe, VP of the MS Word Team

Dieser Meinung kann ich mich nur anschließen: Das ist übrigens einer der vielen Gründe, warum ich diesen Blog seit vielen Jahren schreibe.

Geschriebener Text ermöglicht Agilität

Steven Sinofsky analysiert das Thema Schreiben im Business-Kontext. Gerade für uns im Systems Engineering finde ich das folgende Zitat relevant:

Es ist wirklich unglaublich, wie viele Vorbehalte ich von Unternehmen – von Start-ups bis hin zu großen Unternehmen – gegenüber dem Schreiben erlebe. Insbesondere im Hinblick auf die Vorstellung, dass Schreiben das Gegenteil von Agilität ist. Schreiben verknöchert und zementiert Entscheidungen oder Pläne, die sich ändern sollten, heißt es. Meiner Ansicht nach kommt Agilität aus der Planung.

Steven Sinofsky

Gerade in der Anfangszeit wurde Agilität oft als Ausrede benutzt, um nicht dokumentieren zu müssen. Doch das Agile Manifest hat Schreiben nicht verboten, sondern lediglich auf den richtigen Kontext hingewiesen. Auch User Stories und Epics bestehen aus Worten. Geschriebener Text ist auch in der Agilität eine unentbehrliche Zutat.

Verteiltes Arbeiten erfordert Texte

Die Automobilindustrie weiß schon lange: sauber formulierte Anforderungen ermöglichen verteiltes Arbeiten im großen Stil. Ob die manchmal in die andere Richtung über Bord gehen sei dahingestellt.

Auch in der Pandemie hatten die Teams, die gut mit Sprache umgehen konnten, enorme Vorteile. Denn sauber geschriebene Anforderungen sind das Fundament für das Delegieren von Entwicklungsarbeiten. Das ist übrigens auch ein Grund, warum die Hersteller von Anforderungsmanagementsoftware in der Coronazeit viel zu tun hatten.

Geschriebener Text muss von Menschen gelesen werden… noch

Auch wenn Text nicht an Bedeutung verloren hat, so steht doch immer ein Mensch am Ende der Kette, der den Text lesen muss. Das ist in der Regel kein Problem, dafür ist der Text ja schließlich da. Außerdem helfen Werkzeuge (Suche, etc.), schnell den richtigen Text zu finden und den irrelevanten Text zu vermeiden. Doch mit der Textmenge steigt auch der Aufwand, den wir treiben müssen, um diesen zu nutzen. Und da wir Menschen dazu tendieren, zu wenig zu löschen, begegnen uns leider oft auch veraltete Texte, die uns in die Irre führen.

Doch hier sehen wir einen gewaltigen Wandel. In den letzten Jahren ist die Verarbeitung von geschriebener Sprache (Natural Language Processing, NLP) deutlich mächtiger geworden. Das bedeutet, dass wir hoffentlich in Zukunft dank KI den selben Text weniger oft lesen müssen. Denn die KI kann uns dann die nicht-kreativen Arbeiten abnehmen, wie zum Beispiel das Nachpflegen von Tests als Reaktion auf geänderte Anforderungen, und ähnliches.

Schreiben ist nicht immer die beste Art der Kommunikation. Ein Video ist einprägsamer, ein Telefonat geht schneller, und sogar PowerPoint hat seine Berechtigung. Aber wegen des strukturierten Denkens, das es erfordert, und der Leichtigkeit, mit der es weitergegeben und bearbeitet werden kann, ist das geschriebene Wort wie geschaffen für die Fernarbeit. Und auch wenn NLP-basierte Werkzeuge uns etwas Arbeit abnehmen können, so bleiben noch genug Texte übrig, die wir lesen oder schreiben müssen.

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Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends