{"id":945,"date":"2017-02-16T08:00:54","date_gmt":"2017-02-16T07:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/se-trends.de\/?p=945"},"modified":"2017-02-08T18:32:09","modified_gmt":"2017-02-08T17:32:09","slug":"joachim-schlosser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.se-trends.de\/en\/joachim-schlosser\/","title":{"rendered":"Interview with Joachim Schlosser"},"content":{"rendered":"<p>Dr. Joachim Schlosser f\u00fchrt bei Elektrobit Automotive\u00a0ein Team von Informatikern und\u00a0Ingenieuren, die\u00a0Automobilhersteller und Automobilzulieferer zu Themen wie Agile Entwicklungsmethoden, Funktionale Sicherheit und Autonomes Fahren\u00a0beraten. Bekannt ist er auch durch <a href=\"http:\/\/www.schlosser.info\/\" target=\"_blank\">seinen Blog<\/a>, seine Arbeit f\u00fcr MathWorks (MATLAB\/Simulink) in der Lehre, sowie sein Lehrbuch zu LaTeX.<\/p>\n<p>Zwischen den Jahren f\u00fchrte ich ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Modellierung in der Lehre, autonomes Fahren und Systemdenken.<!--more--><\/p>\n<h2>Du schreibst auf Deiner Webseite, dass Du Professoren und anderen Lehrenden bez\u00fcglich MATLAB und Simulink hilfst. Wie sieht das denn genau aus?<\/h2>\n<p>Das habe ich bis jetzt gemacht, allerdings habe ich zum Ende des Jahres aufgeh\u00f6rt und fange zum Jahresanfang bei Elektrobit Automotive Consulting an. Dort bin ich dann noch mehr in den Themen agile Entwicklungsmethoden und funktionale Sicherheit, sowie autonomes Fahren. Das sind Themen, die mich in der Vergangenheit schon besch\u00e4ftigt haben.<\/p>\n<p>Aber was ich bislang gemacht habe, und was beim Team von MathWorks weitergef\u00fchrt wird, ist die Beratung von Lehrenden, wie sie MATLAB und Simulink in der Lehre einsetzen k\u00f6nnen. Entstanden ist das aus dem Wunsch vieler Professoren, diese Werkzeuge einzusetzen, die sie oft aus ihrem industriellen Umfeld schon kennen. Die sind dann unsicher, ob es nicht zu schwierig ist, und wie weit es mit dem Mandat, Theorie zu vermitteln, vereinbar ist. Gleichzeitig m\u00f6chten sie den Studenten auch Praxisbezug geben und suchen nach Herangehensweisen. Mit diesen Fragen treten die oft an MathWorks heran. Als Reaktion darauf haben wir dann dieses europaweite Team aufgebaut und sind durch die L\u00e4nder gezogen. Wir haben Wissen von A nach B getragen, Anwendungsbeispiele aus der Industrie gegeben und Leute verkn\u00fcpft. Das Ganze immer unter dem Gesichtspunkt, dass Studenten noch mal einen anderen Zugang zum Thema finden, wenn sie es selbst anwenden. Grau ist alle Theorie, und in der Praxis kommt der Aha-Effekt: &#8222;So muss die Mathematik sein, sonst geht es nicht&#8220;.<\/p>\n<blockquote><p>Grau ist alle Theorie, und in der Praxis kommt der Aha-Effekt: &#8222;So muss die Mathematik sein, sonst geht es nicht&#8220; [tweetthis]Grau ist alle Theorie, und in der Praxis kommt der Aha-Effekt (Joachim Schlosser)[\/tweetthis]<\/p><\/blockquote>\n<p>Bei mathematischen Dingen funktioniert das wunderbar, also bei Steuerung, Regelung oder Signalverarbeitung. Da liefert das noch mal einen ganz anderen Zugang. Die lernen Sch\u00f6ne Dinge wie Nyquist-Frequenzen und \u00e4hnliches. Es ist sch\u00f6n, so etwas rechnen zu k\u00f6nnen; wenn ich das aber irgendwann selbst anwende, und wirklich sehe, wie die Abtastrate das Rauschen beeinflusst, und dann muss ich Dieses und Jenes machen, dann wird pl\u00f6tzlich klar, warum man das alles lernen muss.<\/p>\n<h2>Mit anderen Worten, Du hilfst den Lehranstalten, die Br\u00fccke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen.<\/h2>\n<p>Genau. Das ist ja auch das Thema in der Lehre: Dort wird gesagt, wir sollen den Studenten Konzepte und Theorie, und keine Tools beibringen. Aber da sage ich: Ja, es ist zumindest bei Universit\u00e4ten nicht unbedingt der Anspruch, dass die Absolventen Werkzeugkenntnisse haben \u2013 aber es ist sch\u00f6n. Und bei Fachhochschulen sieht das noch mal anders aus. Weiterhin haben Forschungsgruppen das gern, wenn die Leute die Werkzeuge schon kennen \u2013 und Industrie sowieso. Aber letzten Endes ist das Tool in der Lehre ja auch ein Werkzeug, um die Theorie besser begreifen zu k\u00f6nnen. Das Werkzeug darf also nie Selbstzweck sein.<\/p>\n<blockquote><p>Das Werkzeug in der Lehre ist ein Werkzeug, um die Theorie besser zu begreifen [tweetthis]Das Werkzeug in der Lehre ist ein Werkzeug, um die Theorie besser zu begreifen (Joachim Schlosser) [\/tweetthis]<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder wenn die Studenten Modellieren lernen, dann k\u00f6nnen die am Ende Simulink modellieren. Aber der Hauptpunkt ist, dass sie ein Systemverst\u00e4ndnis bekommen: Sie lernen, dass man ein dynamisches System auch als solches verstehen muss, dass man sich Gedanken \u00fcber die Struktur, Zerlegung, Systemgrenzen und Zusammenh\u00e4nge machen muss. Dabei lerne ich das systemische Denken, oft gar nicht explizit. Diese ganzen Fragestellungen, die man sp\u00e4ter als Ingenieur eigentlich auch beantworten m\u00fcsste, muss ich auch beantworten, wenn ich modelliere. Das Werkzeug erlaubt keine Prosa, sondern zwingt einen, diese Fragen als pr\u00e4zise Eingaben zu beantworten.<\/p>\n<h2>Mir gef\u00e4llt dabei nat\u00fcrlich der Systemgedanke, da dies einen Schritt nach oben darstellt, um den Gesamtkontext zu sehen.<\/h2>\n<p>Hier ist auch die Br\u00fccke zu meiner zuk\u00fcnftigen Arbeit, bei der es um das autonome Fahren geht: Da kann ich ja auch nicht auf Schaltkreisebene denken, sondern muss mich auch auf Systemebene bewegen, also mit Themen wie Systemgrenzen, Wechselwirkungen und \u00e4hnlichem Auseinandersetzen. Da komme ich nur mit Modellierung hin.<\/p>\n<h2>Autonomes Fahren ist sicher ein gutes Beispiel f\u00fcr die Relevanz meiner n\u00e4chsten Frage: Wie kann uns die Mathematik helfen, systemische Herausforderungen wie Komplexit\u00e4t, Nichtdeterminismus und Sicherheit in den Griff zu bekommen?<\/h2>\n<p>Das sch\u00f6ne beim autonomen Fahren ist: Es bewegt sich irgendein Objekt, das sich mit Gesetzen der Physik beschreiben l\u00e4sst, durch eine Welt, die sich ebenfalls mit Gesetzen der Physik beschreiben l\u00e4sst. Aber wir k\u00f6nnen nicht bei Adam und Eva anfangen, sondern m\u00fcssen uns auf das beschr\u00e4nken, was wir wirklich brauchen, also Abstraktionen. Die Mathematik, und die Informatik im Speziellen, hat da ganz sch\u00f6ne Modelle \u00fcber den Umgang mit Abstraktionsebenen. Diese helfen zu entscheiden, wie weit Zeit, Daten oder auch Berechnungsschritte abstrahiert werden k\u00f6nnen, und welche Wechselwirkungen bestehen. Und im technischen Modell gibt es nat\u00fcrlich viel Mathematik bei physikalischen Aspekten wie Trajektorien, Bremskurven und \u00e4hnlichem, und nat\u00fcrlich bei der Wahrnehmung der Umgebung. An der Stelle wird es dann auch problematisch, wie wir letztes Jahr gesehen haben bei Vorf\u00e4llen im teilautonomen Fahren.<\/p>\n<h2>&#8230; wobei diese Vorf\u00e4lle zum Teil auch von Menschen verursacht wurden.<\/h2>\n<p>Ja, und das ist teilweise sicher auch ein Marketingproblem: Wenn irgendwo &#8222;Autopilot&#8220; drauf steht, dann denken die Leute, das ist auch einer.<\/p>\n<h2>Ich m\u00f6chte die Themen Abstraktion und Kapselung noch einmal aufgreifen, welches ja in Sprachen wie bspw. SysML eine gro\u00dfe Rolle spielen, Stichwort Skalierung<\/h2>\n<p>Ich sehe hier Wellenbewegungen und Trends im Ingenieurwesen und der Informatik. Mal wird gesagt: Wir bauen perfekt integrierte Systeme, wo alles mit allem zusammenarbeitet; das geht eine Weile gut, bis die Notwendigkeit aufkommt, dass das gr\u00fcndlich Verifiziert werden muss. Dann kommt die Katerstimmung, und es wird auf Modularit\u00e4t mit loser Kopplung Wert gelegt, mit syntaktisch und semantisch sauberen Schnittstellen. Das erm\u00f6glicht dann, die Module einzeln gr\u00fcndlich verifizieren kann um sicherzustellen, dass sie sich einzeln richtig verhalten, um damit R\u00fcckschl\u00fcsse auf das Gesamtsystem zu erm\u00f6glichen. Seit ich das Studium abgeschlossen habe, hatten wir zwei oder drei solcher Wellen. Ich nehme es aber nicht nur als Welle da, sondern auch als Spirale nach oben.<\/p>\n<p>Das erinnert mich an meine eigene Promotion, bei der es um die Industrietauglichkeit von Architekturmodellen. Das war als Gedanke zwar in Ordnung, funktioniert aber dann nicht, wenn die Modelle vom Abstraktionsgrad her den Fragestellungen nicht entsprechen. Wenn die Fragestellung ein oder zwei Abstraktionslevel detaillierter fragt als das Modell beantworten kann, dann gibt es das konzeptionell einfach nicht her. Seit dem bin ich hellh\u00f6rig, wenn Leute ein Komplettmodell entwickeln wollen. Oft ist unklar, was mit dem Modell eigentlich gemacht werden soll.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn die Fragestellung auf einer anderen Abstraktionsebene ist, kann das Modell diese konzeptionell nicht beantworten (Joachim Schlosser) [tweetthis]Wenn die Frage auf einer anderen Abstraktionsebene ist, kann das Modell sie nicht beantworten[\/tweetthis]<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber das ist eine Frage, die immer beantwortet werden sollte: Was ist der Zweck des Modells. Das artet oft in Aktionismus aus, und man kann wundersch\u00f6n Budget damit verbraten, und man kann auch viel zeigen. Aber wenn ich vorher keine vern\u00fcnftige Fragestellung formuliert habe, die das Modell beantworten soll, dann ist das Modell ein Artefakt, das betriebswirtschaftlich gesehen nichts bringt, und sicherheitstechnisch schon gar nicht.<\/p>\n<p>Solche Projekte bringen dann auch die Informatik und Teile vom Ingenieurwesen in Misskredit bringt.<\/p>\n<h2>Die Mathematik wird ja auch \u00fcber den Einsatz von Calculi eingesetzt, um eine unter Umst\u00e4nden beweisbare Beziehung zwischen den Abstraktionsebenen herzustellen.<\/h2>\n<p>Das haben wir mit Simulink im industriellen Kontext sowohl mit Modelchecking als auch mit formalen Methoden und Beweisern gemacht, also bspw. die \u00dcberpr\u00fcfung von sicherheitsrelevanten Invarianten. Das funktioniert auch ganz gut, wenn es einmal auf den Algorithmus herunter gebrochen ist. Das hilft allerdings nur dann, wenn die Umgebung auch richtig erfasst ist, also zum Beispiel die Geschwindigkeit. Sobald die Daten nicht verl\u00e4sslich sind, hilft mir auch die beste Aussage nichts.<\/p>\n<h2>Was sind Deine Pl\u00e4ne f\u00fcr 2017?<\/h2>\n<p>Durch meine neue Stelle bin ich da nat\u00fcrlich gut ausgelastet. Die Herausforderung ist: Wie bringe ich Automobilherstellern und -zulieferern das Thema &#8222;agile Methoden&#8220; n\u00e4her. Denn die merken, dass sie sich schneller auf dem Markt orientieren m\u00fcssen. Der Wind von den Unterhaltungs- und Kommunikationsherstellern weht inzwischen recht eisig, das Rad dreht sich halt deutlich schneller als das Automobilrad. Die Integrationszyklen sind k\u00fcrzer, obwohl die Zyklen im Automobilbereich auch schon deutlich k\u00fcrzer geworden sind. Die OEMs haben die Herausforderung, dass sie an den Kontext von sicherheitsrelevanten Themen gebunden sind und zeitaufw\u00e4ndige Zulassungsverfahren durchlaufen m\u00fcssen, die teilweise ein wasserfallartiges Vorgehen (vermeintlich) fordern. Und das dann unter Umst\u00e4nden noch mit der Frage: Wie bekomme ich den Fahrer aus der Verantwortung heraus.<\/p>\n<p>Ansonsten schreibe ich noch an einem Buch \u00fcber Vortragen im Dialog, f\u00fcr das es aber noch keinen Termin gibt. Das ist entstanden aus der bisherigen T\u00e4tigkeit. Denn bei Vortr\u00e4gen im Vertrieb war ich noch nie ein Freund von Frontalvortr\u00e4gen. Zu dem Thema gibt es zwar Literatur, auch gute. Aber ich habe nichts zu dem Thema &#8222;Dialog&#8220; gefunden. Oft geht es leider darum, einen &#8222;Gegner&#8220; zu \u00fcberzeugen, also &#8222;wir gegen die anderen&#8220;. Aber ich kann doch nicht gegen jemanden vortragen, sondern muss es f\u00fcr jemanden tun. Und den Gedanken habe ich bislang noch nicht gefunden.<\/p>\n<h2>Ich habe ja selbst schon lange Veranstaltungen mitorganisiert, in letzter Zeit insbesondere Barcamps. Und das Barcamp-Format scheint ja genau diesen Dialog-Gedanken zu fokussieren.<\/h2>\n<p>Im R\u00fcckblick kann ich feststellen, dass so manche Veranstaltung \u2013 vor allem interne \u2013 schon ziemlich nahe dran war. Ich war im November zum ersten mal auf einem <a href=\"http:\/\/www.schlosser.info\/open-space-konferenz\/\" target=\"_blank\">PM-Camp in Dornbirn<\/a>, was ich ganz hervorragend fand. Die klassischen Konferenzen werden nat\u00fcrlich nach wie vor ihre Berechtigung haben. Zum einen, wenn es um Ver\u00f6ffentlichungen geht, aber viele Konferenzen lassen auch genug Platz f\u00fcr den individuellen Austausch. Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich oft auch am Veranstalter, und auch am Session-Chair.<\/p>\n<p>Das sind alles spannende Themen, die mich auch die letzten Jahre schon begleitet haben. Da bin ich gespannt, was da auf mich zukommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Bild: Joachim Schlosser<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Joachim Schlosser leads a team of computer scientists and engineers at Elektrobit Automotive who advise car manufacturers and automotive suppliers on topics such as agile development methods, functional safety and autonomous driving. He is also known for his blog, his work for MathWorks (MATLAB\/Simulink) in teaching and his textbook on LaTeX. 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