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Dalus, SysML v2 und echter Nutzen durch MBSE: Interview mit Sebastian Völkl

Dalus, SysML v2 und echter Nutzen durch MBSE: Interview mit Sebastian Völkl

Dalus ist ein weiteres Unternehmen, das den Markt der Produktentwicklung transformieren möchte. Ich hatte das Vergnügen, ein Gespräch mit deren Cofounder Sebastian Völkl zu führen. Das Interview fand am 7. April 2025 statt und ist weiter unten eingebettet, der Artikel fasst die wichtigsten Punkte zusammen.

Dalus wurde in das renommierte Y Combinator-Programm aufgenommen und zählt heute zu den spannendsten neuen Unternehmen im Bereich Systems Engineering. Im Interview sprechen wir über die folgenden Themen:

  • Startup Dalus — Dalus entstand aus der Beobachtung, dass bestehende MBSE-Tools ineffizient sind und eine Marktlücke für bessere Lösungen bestand.
  • Zielgruppe — Dalus richtet sich an kleine und mittlere Unternehmen, die MBSE zur Innovationsförderung und nicht nur zur Compliance nutzen wollen.
  • Sweetspot — Ideale Kunden sind Teams, die bisher dokumentenbasiert arbeiten und ihr erstes MBSE-Werkzeug suchen.
  • SysML v2 — SysML v2 bildet die Grundlage für Interoperabilität, wird aber nutzerfreundlich und ohne Überforderung der Anwender umgesetzt.
  • Silos vermeiden — Dalus setzt auf Tools, die das gesamte Team einbeziehen, statt nur wenige Experten auszubilden.
  • Mehrwert schaffen — Dalus fokussiert sich darauf, mit KI-Unterstützung innerhalb weniger Tage von Dokumenten zu verwertbaren Modellen zu migrieren.
  • Case Study — Dalus verknüpfte verstreute Informationen eines Kunden in einem Modell und ermöglichte damit neue, fundierte Analysen.
  • KI und SE — Sebastian Völkl sieht großes Potenzial darin, dass KI das Systems Engineering in Zukunft fundamental verändern wird.
  • Andere Werkzeuge — Sebastian bewertet den Wettbewerb positiv und sieht dynamische Entwicklungsmöglichkeiten für Dalus und andere Startups.
  • Integration — Dalus setzt auf offene Schnittstellen und entwickelt zahlreiche Integrationen, um Vendor-Lock-In zu vermeiden.
  • Zukunft — Dalus experimentiert mit neuen KI-gestützten Funktionen, um Systems Engineering einfacher, schneller und effizienter zu machen.

Warum Dalus gegründet wurde

Sebastian hatte er bereits zwei Startups ins Leben gerufen: CampusCraft, eine Plattform für Studierende, und HackerBCI, ein Neurotech-Startup. Eigentlich wollte er kein weiteres Start-up gründen. Der Auslöser, dies doch zu tun, war sein Mitgründer Eliot Khachi, der mehrere Jahre in Luft/Raumfahrt bei Aerojet Rocketdyne gesammelt hatte. Sebastian, der mit modernen Softwarewerkzeugen arbeitet, war entsetzt von der Ineffizienz der eingesetzten Tools (wie bspw. Cameo).

Nachdem das Team sich für mehrere Monate ins Thema eingearbeitet und ca. 150 Gespräche geführt hatte, war ihnen klar, dass:

  • Es ein Muster gibt, auf das ein Geschäftsmodell aufsetzen kann
  • Es zur Zeit kaum etwas in dieser Nische gibt

Nach dieser Erkenntnis fiel die Entscheidung, nun doch etwas auf die Beine zu stellen. Dalus wurde in das Y Combinator-Programm aufgenommen, welches sie gerade erfolgreich beendet haben.

Zielgruppe: Unternehmen, die MBSE wirklich wollen

Die bittere Wahrheit: Viele der Unternehmen, die heute MBSE einsetzen, wollen es eigentlich gar nicht. Die klassischen Industrien wie Aerospace und Defence nutzen MBSE häufig primär, um der Compliance nachzukommen. Was Sebastian auch sieht sind Unternehmen, bei denen einzelne Mitarbeiter die Werkzeuge und Methoden aus der Forschung kennen und es dem Unternehmen aufzwingen. Dieses Verhalten bezeichne ich übrigens gern als Elfenbeinturmmodellierung.

Die bittere Wahrheit: Viele der Unternehmen, die heute MBSE einsetzen, wollen es eigentlich gar nicht.

Sebastian Völkl

Aus diesem Grund findet Dalus Kunden eher aus Industrien, wo der Compliance-Druck geringer ist und Kunden am echten Nutzen interessiert sind. Als Beispiele nannte er den Energiesektor, Data Centers und Semiconductor.

Der „Sweetspot“ für Dalus sind Unternehmen, die genug Reife im Entwicklungsprozess haben, um sich ihr erstes MBSE-Werkzeug auszusuchen, die also bisher mit Dokumenten gearbeitet haben. Diese Unternehmen legen in der Regel Wert auf ein Werkzeug, dass:

  • Eine schnelle Einarbeitung ermöglicht
  • Vom gesamten Team genutzt werden kann
  • Sich leicht integrieren lässt
  • Souverän mit Versionen umgehen kann

Dalus kann als Startup nicht alle Probleme gleichzeitig lösen, deshalb liegt der aktuelle Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen mit 20 bis 300 Mitarbeitenden. Zwar zählen auch größere Firmen zum Kundenstamm, doch dort verlaufen Prozesse deutlich langsamer, und die Anforderungen an Tool-Compliance sind komplexer und zeitintensiver.

SysML v2 primär im Hintergrund

Dalus basiert auf SysML v2, will die Anwender damit jedoch nicht überfordern. Das bedeutet konkret, dass SysML das Datenmodell liefert, jedoch nicht in der UI die Nutzer mit hunderten von Optionen überfordert. Stattdessen sieht Sebastian SysML v2 für einen Enabler für Interoperabilität: Das Modell sollte jederzeit als SysML v2 exportierbar sein.

In Dalus ist SysML v2 hauptsächlich ein Enabler für Interoperabilität.

Sebastian Völkl

Sebastian betonte, wie nützlich es ist, auf einem soliden Standard aufbauen zu können. Abgesehen davon ist das Timing perfekt.

Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass die Nutzererfahrung nicht bei SysML beginnt, sondern beim Kundennutzen. Als Beispiel nannte Sebastian die Art und Weise, wie Dalus die Part-Attributierung visualisiert (in der Sidebar, nicht als Teil des Parts). Nutzen für den Anwender ist wichtiger als Standard-Konformität. Das bedeutet ebenfalls, dass der Nutzer nicht alle SysML-Features über die Oberfläche nutzen kann.

Um sich gar nicht erst in dieses Korsett zwängen zu lassen, hat Dalus entschieden, auf keinem offenen Projekt aufzusetzen, wie bspw. SysON oder der OMG Pilotimplementierung.

Werkzeuge dürfen keine Silos schaffen

Sebastian kritisiert das klassische Vorgehen vieler Werkzeughersteller als nicht mehr zeitgemäß.

Die traditionelle Einführung von MBSE-Werkzeugen sieht er unbeabsichtigt als organisationsfeindlich an: Meist werden nur einige wenige Experten geschult, was zu Silos führt und die Effektivität ausbremst. Genau hier setzt Dalus an: Die Leistungsfähigkeit von MBSE soll der gesamten Organisation zugutekommen, nicht nur einer kleinen Gruppe von Experten.

Dieses Vorgehen hängt natürlich direkt damit zusammen, wie klassische Werkzeuge aufgebaut sind. Daher darf ein modernes Werkzeug nicht einfach aus einem Canvas mit hunderten von Toolbars und Modellbäumen bestehen, wie es bei den klassischen Werkzeugen der Fall ist.

Nicht jedes Organisation ist offen für diese Denkweise. Daher besteht die Zielgruppe von Dalus auch nicht aus Unternehmen, die seit Jahrzehnten MBSE praktizieren, sondern richtet sich an Teams, die zum ersten Mal mit MBSE begegnen. For diese Zielgruppe rückt die Bedeutung von SysML ebenfalls in den Hintergrund.

Schnell Mehrwert schaffen

Für die Kunden von Dalus ist MBSE kein Selbstzweck. Entscheidend ist, schnell spürbaren Nutzen zu erzeugen. Deshalb legt Dalus großen Wert auf schnelle Migration. Dieses Thema spielt für viele Kunden bei der Auswahl von Werkzeugen eine wichtige Rolle.

Es ist wichtig, dass jede einzelne Person in der gesamten Organisation versteht, warum [MBSE und Dalus] wichtig für uns ist. Dieses Hürde muss man relativ schnell schließen und dann ist auch jeder an Bord. Wenn man schnell ein Ergebnis liefert, muss [die Werkzeugeinführung] keine Top-Down-Entscheidung sein.

Sebastian Völkl

Hier setzt Dalus auf KI und automatisiert inzwischen 80 bis 90 Prozent dieser Schritte. In der Regel gelingt es, innerhalb weniger Tage, spätestens nach ein bis zwei Wochen, von Dokumenten zu Modellen zu gelangen. Dabei kommen PDF-Extraktion und Dokumentenanalysen zum Einsatz.

Häufig übernimmt Dalus diesen Prozess selbst als Dienstleistung und liefert den Kunden ein fertiges Modell. Langfristig soll sich das ändern. Ziel ist es, den Kunden starke Migrationswerkzeuge bereitzustellen, mit denen sie den Prozess eigenständig durchführen können.

Case Study: Impactanalyse von einem Data Center

Ein Beispiel für den konkreten Mehrwert von Dalus ist ein Kunde aus dem Bereich Data Center-Bau. Dort lagen zentrale Informationen verstreut: Teils in Google Docs, in Python-Skripten und anderen Quellen. Die Inhalte waren kaum miteinander verknüpft, was fundierte Analysen erschwerte.

Dalus zerlegte die Python-Skripte in kleinere, sinnvolle Blöcke und verknüpfte diese mit den Business Requirements. Diese „Chunks“ konnten anschließend nach Dalus migriert werden. Das Ergebnis: ein zusammenhängendes Systemmodell, das völlig neue Fragestellungen ermöglichte. Zum Beispiel:

  • Führt die Anpassung einer bestimmten Stellschraube zu mehr Umsatz?
  • Wenn ein Tank vergrößert wird – bleiben die Anforderungen noch erfüllt?

Die Migration dauerte nur etwa eineinhalb Wochen. Ab diesem Punkt konnte das Unternehmen rasch neue Versionen erzeugen und Szenarien systematisch evaluieren.

KI und Systems Engineering

KI ist heute schon für die Migration wertvoll, doch das langfristige Potential ist vieles größer. Das Unternehmen ist in San Francisco angesiedelt, wo das Thema KI zur Zeit dominiert wie sonst nirgends. Dadurch stellte sich zwangsläufig auch die Frage, wie KI das Systems Engineering transformieren würde. Keiner weiß, was möglich ist und wie es aussehen wird. Das Ganze ist ein großes Experiment.

Die Frage ist nicht ob, sondern wann die zwei Welten AI und Systems Engineering aufeinandertreffen werden.

Sebastian Völkl

Andere Werkzeuge

Natürlich ist Sebastian mit dem Wettbewerb vertraut, sieht aber doch signifikante Unterschiede im Detail. So verstand er Flow Engineering bis vor kurzem als ein Tool, das sich primär auf Anforderungsmanagement fokussierte.

Abgesehen davon entwickeln sich Tools von Startups in vielen schnellen Iterationen weiter. Wer weiß, ob sich Flow Enginering (oder Dalus) sich nicht mittelfristig in eine komplett andere Richtung bewegen werden?

Im Gegenteil: Viele Player bringen viel Leute zum Denken, und das ist positiv. Gerade in der jetzigen Zeit ist es eher „Friendly Competition“, und nicht knallharte Konkurrenz.

Ebenso sieht er es als unausweichlich an, dass Dalus mit den Legacy-Werkzeugen konkurriert. Doch auch hier differenzieren sich die neuen Startups: Zum einen, weil sie nicht einfach Features kopieren, zum anderen, weil der Markt ein anderer ist. Bei Dalus sind es primär kleine, schnelle Firmen.

Die großen Legacy-Firmen müssen natürlich auch irgendwann schauen, wie sie schneller werden. Er sieht da durchaus jetzt schon Interesse und solche Kunden hat Dalus bereits im Kundenportfolio, wie zum Beispiel Israel Aerospace Industries.

Wir arbeiten mit der größten Aerospace/Defense-Firma aus Israel zusammen, Israel Aerospace Industries mit 14.000 Mitarbeitern.

Sebastian Völkl

Integration

Integration ist für Kunden entscheidend, denn sie wollen kein Vendor-Lock-In. Dalus übernimmt deshalb unter anderem die Aufgabe der Orchestrierung. Bereits jetzt hat Dalus rund 100 Integrationen in der Pipeline. Die Priorisierung richtet sich dabei nach dem Bedarf der Kunden. Was tatsächlich gebraucht wird, wird zuerst umgesetzt.

Die Integrationsliste basiert auf bestehenden Tech-Stacks. Zum Beispiel nutzt jedes Unternehmen Plattformen für die Softwareentwicklung. Dalus hat zunächst GitLab integriert, da es bei einem Kunden im Einsatz ist. GitHub wurde vorerst zurückgestellt, wird aber ebenfalls eine Integration erhalten, sobald der Bedarf steigt.

Datenintegration sowie Im- und Exporte sind sind eher statisch und Fleißarbeit. Mittelfristig plant Sebastian einen Marktplatz, auf dem Kunden sich benötigte Integrationen selbst auswählen können. Spannender wird die Frage der Team-Integration und der Umgang mit komplexen Workflows, etwa der Einbindung von Simulationen und der Abgleich dieser mit Anforderungen.

Zukunft

Dalus verfolgt ein klares Ziel für die Zukunft. Die bestehende Lücke soll geschlossen werden, damit Unternehmen einfacher vom dokumentenbasierten Arbeiten zu MBSE wechseln können. Die Kernfunktion des Werkzeugs steht und Kunden setzen es ein.

Doch das Zusammenspiel von KI und MBSE ist im Moment noch hochgradig experimentell. Sebastian sieht die Notwendigkeit, in diesem Bereich intensiv zu experimentieren. Er geht davon aus, dass Dalus in den nächsten zwölf Monaten Features entwickeln wird, die möglicherweise niemand braucht. Gleichzeitig wird es viele Neuerungen geben, bei denen man in einem Jahr zurückblickt und sich fragt, wie man jemals ohne sie arbeiten konnte.

Den Wert eines Features messe ich daran, wie verärgert die Nutzer wären, wenn es plötzlich fehlen würde.

Sebastian Völkl

Ein paar Beispiele: Sollte man den Copiloten nutzen, um automatisch Anforderungen zu generieren? Technisch ist das möglich, sinnvoll ist es eher nicht. Soll die KI dagegen Änderungen automatisiert durchführen, für die man sonst drei Stunden manuell arbeiten müsste? Das ist eine hervorragende Idee.

Dalus kann heute bereits innerhalb weniger Minuten ein zu 80 Prozent fertiges Systemmodell aus bestehenden Dokumenten generieren. Das Ergebnis ist nicht perfekt, aber es schafft eine solide Basis, auf der Teams aufbauen können, und bietet den Kunden einen enormen Mehrwert.

Viele Menschen unterschätzen nach wie vor, wie stark und mächtig KI tatsächlich ist. Als Systems Engineer würde ich mir sehr genau überlegen, wie ich KI einsetze. Die Software Engineers, die sich vor zwei Jahren zu wenig mit dem Thema auseinandergesetzt haben, müssen jetzt relativ schnell aufholen.

Systems Engineers sollten jetzt mit MBSE und KI experimentieren, um vorbereitet zu sein auf das, was in den nächsten Jahren kommt.

Sebastian Völkl

Interesse, Dalus auszuprobieren?

Zum Schluss wies Sebastian darauf hin, dass Interessierte sich für ein siebentägiges Free Trial anmelden können. In der Regel geht diesem ein Onboarding-Call voraus. Da viele Abläufe derzeit noch weitgehend manuell erfolgen, achtet Dalus darauf, dass neue Kunden gut zum Ansatz passen.

Das Pricing ist transparent. Die Preise starten ab 99 US-Dollar pro Monat und sind auf der Website veröffentlicht. Im Vergleich zu ähnlichen Anbietern sieht sich Dalus damit im unteren Drittel.

Fazit

Mit diesem Interview reiht sich Dalus in die Reihe der in diesem Blog vorgestellten Werkzeuge rund um KI und MBSE ein. Vielen Dank an Sebastian Völkl.

Dalus setzt auf schnelle Ergebnisse, starke Integration und einfache Bedienbarkeit, um MBSE wirklich nützlich zu machen und nicht nur als Compliance-Pflicht zu erfüllen. Das Unternehmen zeigt, wie frische Impulse und ein konsequenter Fokus auf Nutzerfreundlichkeit den Werkzeugmarkt nachhaltig verändern können. Ich bin gespannt, was wir von Dalus in den nächsten Monaten und Jahren hören werden.

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