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Agile Systems Engineering: sechs INCOSE-Ressourcen und was sie kosten

Agile Systems Engineering: sechs INCOSE-Ressourcen und was sie kosten

Wie Agile Systems Engineering wirklich funktionieren kann, ist noch nicht endgültig geklärt. Wie funktioniert Agilität bei langen Lieferzeiten? Und wie viel davon verträgt ein regulierter Entwicklungsprozess? Seit Februar 2026 gibt es zu diesen Fragen einen internationalen Standard. Höchste Zeit, ihn bekannter zu machen. Und auch andere Ressourcen.

Eine INCOSE-Arbeitsgruppe sitzt seit 2012 an dem Thema und zählt über 3.000 Mitglieder. Ihre Ergebnisse liegen verteilt in einem Produktshop, in einer Resource Library hinter der Mitgliedschaft, in einem Wiki und im Repository einer norwegischen Universität. Wer nicht gezielt sucht, findet nichts davon.

Zur Vorbereitung unseres nächsten Workshops der Agile SE-Gruppe der GfSE habe ich alle Infos zusammengetragen. Grundlage war das 41 Seiten lange Statusdeck des Midyear General Meeting vom Juli 2026 mit seinen 46 Teilnehmern, dazu die zugehörigen Präsentationen. Sechs Ressourcen sind so relevant, dass ich sie hier teilen möchte. Für jede steht unten, was sie enthält, wie weit sie gediehen ist und was der Zugang kostet.

Die deutsche Arbeitsgruppe

Ich bin in der GfSE-Arbeitsgruppe AgileSE aktiv. Unter dem Motto „Besser agil mit Systems Engineering“ geht es dort um Prinzipien und Praktiken an der Schnittstelle zwischen Agilität und Systems Engineering, darunter SEBRAS, Model as Code und die Frage, wie Agile SE in die Praxis kommt. Eine Übersicht steht bei den GfSE-Arbeitsgruppen.

Vom letzten Präsenzworkshop habe ich in Workshop Agiles Systems Engineering: Schnelle SEBRAS berichtet.

Am 16. Oktober 2026 folgt der nächste Online-Workshop, drei Stunden lang. Ein Programmpunkt ist das systematische Alignment mit der internationalen INCOSE-Gruppe. Teilnehmen können GfSE-Mitglieder. Wer dabei sein will, tritt vorher der Arbeitsgruppe AgileSE bei.

Systems Engineering Agility Primer

Wer nur eine Sache liest, liest den Primer. Auf vier Seiten beantwortet er zwei Fragen. Was macht agiles Systems Engineering aus, und warum braucht man diese Eigenschaften?

Den Kern bilden acht sogenannte Strategic Aspects: Adaptable Modular Architectures, Iterative Incremental Development, Attentive Situational Awareness, Attentive Decision Making, Common-Mission Teaming, Shared-Knowledge Management, Continual Integration and Test sowie Being Agile als Operations Concept.

Der Primer gibt damit ein gemeinsames Vokabular vor, ohne daraus ein weiteres Prozessframework zu bauen. Das rechne ich ihm hoch an. Im INCOSE Store laden Mitglieder das PDF kostenlos herunter, für alle anderen kostet es derzeit 10 US-Dollar.

Systems Engineering Agility Guide

Der Primer sagt, was die acht Aspekte bedeuten und warum es sie braucht. Der geplante Agility Guide soll daraus ein Wie machen.

Ein 2024 vorgestellter Entwurf sah 50 bis 60 Seiten vor, neben den acht Aspekten auch Design and Employment Considerations sowie Case Stories. Der Zieltermin Mitte 2025 verstrich. 2026 steht der Guide weiter als Produkt in Entwicklung.

Für unsere deutsche Arbeitsgruppe ist das eine Gelegenheit. Solange der Guide entsteht, lassen sich Erfahrungen und Beispiele einbringen, statt später ein paralleles deutsches Dokument zu schreiben. Einen Eindruck vom geplanten Inhalt gibt Rick Doves Webinar „Agile SE Strategies, Purpose, & Value“, das mitsamt Unterlagen INCOSE-Mitgliedern offensteht.

ISO/IEC/IEEE 24748-10

Seit Februar 2026 gibt es einen internationalen Standard speziell für Systems Engineering Agility. Er übernimmt die acht Strategic Aspects des Primers und geht einen Schritt weiter, indem er Leitlinien für ihre Auswahl und Anwendung beschreibt. Damit lässt sich auf die Arbeit der Gruppe auch außerhalb der Community formal Bezug nehmen.

Kostenlos ist der Standard nicht. Bei ISO kostet er 135 CHF als PDF, ePub oder Papier, die Vorschau gibt es umsonst. Wer über Arbeitgeber oder Hochschule Normenzugang hat, sollte dort zuerst suchen.

FuSE Agility Roadmap

Die Agile-SE-Gruppe hängt eng an INCOSEs Future of Systems Engineering, kurz FuSE. Der Ausgangspunkt ist eine Forderung aus der Systems Engineering Vision 2035, die kostenlos verfügbar ist. Systems Engineering muss auf zunehmend dynamische und unsichere Umgebungen reagieren können.

Konkreter wird die 2021 veröffentlichte Arbeit „Agility in the Future of Systems Engineering: A Roadmap of Foundational Concepts“. Sie geht deutlich über agile Softwareentwicklung hinaus und behandelt technische Aufsicht in agilen Projekten, Stakeholder Engagement, Agilität über Organisationsgrenzen hinweg, lange Lieferzeiten und Continual Integration.

Damit trifft sie den Fall, der in komplexer Produktentwicklung zählt. Ein elektronisches Bauteil mit 30 Wochen Lieferzeit verschwindet nicht, weil ein Team zweiwöchige Sprints eingeführt hat. Auf der nur für INCOSE-Mitglieder zugänglichen Seite zur Roadmap in der Resource Library ist ein 42-seitiges Slide Deck von 2020 zu finden..

Agile SE Decision Guidance Method

Eine praktischere Frage lautet: Wo brauchen wir überhaupt mehr Agilität?

Dafür entwickelt die Gruppe die Agile SE Decision Guidance Method, ein Assessment, mit dem Teams prüfen, in welchen Bereichen sie mehr agile Reaktionsfähigkeit brauchen.

Ein CubeSat-Projekt der Norwegian University of Science and Technology hat die Methode bereits angewendet. Untersucht wurden Customer Problem Space, Solution Space und Product Development Space. Stakeholder Management, Knowledge Management und Support Environment kamen als die schwächsten Felder heraus. Die Fallstudie der NTNU ist INCOSE-Mitgliedern frei zugänglich.

Der Stand vom Juli 2026 ist weit gediehen. Assessment Tool und zwei Anwendungsbeispiele sind fertig, dazu zwei Project Stories. Am Usage Guide und an den Videos wird noch gearbeitet. INCOSE führt die Methode weiterhin unter den Technical Products in Development, die Veröffentlichung ist für dieses Jahr (2026) geplant.

Fallstudien aus der Industrie

Fünf Case Studies zu wirksamen Agile-SE-Prozessen hat die Arbeitsgruppe veröffentlicht. Aus diesem Teil des Fundus ziehe ich am meisten (und werde auch untersuchen, wieweit sie sich für Product Velocity Case Studies eignen).

Bei der SSC Pacific Unmanned Systems Group ging es um Teamkultur, laufendes Knowledge Management und die Weiterentwicklung des Prozesses während seiner Anwendung. Die Case Study ist leider auch nur mit einer Mitgliedschaft erreichbar.

Bei Rockwell Collins arbeiteten rund 350 Personen an einer Produktlinie aus Hardware, Firmware und Software. Die Fallstudie beschreibt synchronisierte Entwicklungszyklen, Wiederverwendung über die Produktlinie hinweg und eine Infrastruktur für agile Hardwareentwicklung. Eine öffentlich zugängliche Fassung liegt bei ResearchGate.

Dazu kommen Arbeiten zu Northrop Grumman und Lockheed Martin. Die Lockheed-Fallstudie dokumentiert eine Agile-SE-Transformation mit rund 1.200 Beteiligten in der Integrated Fighter Group.

Gesucht werden jetzt weitere Case Stories, die zeigen, wie die acht Strategic Aspects angewendet werden und was dabei herauskommt. Deutsche Industriebeispiele fehlen dort bisher vollständig.

Weitere Quellen

Ein kostenloser Einstieg ist inzwischen der SEBoK-Artikel Agile Systems Engineering. Er beschreibt die acht Aspekte ausführlicher als der Primer, nennt weitere Quellen und verweist in der aktuellen Version bereits auf ISO/IEC/IEEE 24748-10.

Daneben ist über die Jahre ein umfangreicher Body of Knowledge entstanden. Sechs thematische Ausgaben des INCOSE-Magazins INSIGHT, 14 Webinare zwischen 2012 und 2025, Beiträge zu den Systems Engineering Handbooks V4 und V5, dazu zahlreiche Konferenzbeiträge. Das meiste liegt in der Resource Library und auf der Seite der Working Group, ein großer Teil davon hinter der Mitgliedschaft. Einige Arbeiten haben es inzwischen auch in die Quellensammlung der GfSE geschafft.

Eine Wikipedia-Seite zu Systems Engineering Agility steht als Idee im Raum, mehr nicht. Eine neutrale, öffentlich zugängliche Einstiegsseite fehlt tatsächlich.

Offene Baustellen

Drei Themen befinden sich aktuell in einer Frühphase und könnten ebenfalls für die deutsche GfSE-Gruppe interessant sein:

AI für Systems Engineering Agility verantwortet Robin Yeman in der Working Group. Seit dem Midyear Meeting ist dazu ein Artikel erschienen, „Agile Systems Engineering in the Age of AI: Architecting for Dynamic and Uncertain Environments“, in der August-Ausgabe 2026 von INSIGHT.

Die beiden anderen Themen sind offener. Wie bringt man SE Agility tatsächlich in die Praxis? Und welche Transformationsbarrieren und Pain Points verhindern das? Für beide gibt es bisher kein INCOSE-Produkt und keinen abgegrenzten Projektplan.

Fazit

Wie so oft kann eine kurze Recherche enorm viel praxistaugliches Material ans Licht bringen, wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Primer, Standard, SEBoK, Roadmap und Fallstudien geben eine gemeinsame Basis vor, und unsere Diskussion beginnt trotzdem zu oft wieder bei null.

Die Frage ist natürlich was davon funktioniert in deutschen Entwicklungsorganisationen, wo liegen die Grenzen, und welche Erfahrungen lassen sich in die internationale Arbeit zurückspielen?

Das ist mein Ziel für den Workshop am 16. Oktober. Nicht schauen, was INCOSE macht, sondern entscheiden, wo wir bewusst anschließen.

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