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6 Maßnahmen für agile, modellbasierte Produktentwicklung

6 Maßnahmen für agile, modellbasierte Produktentwicklung

Wir reden seit Jahren von der „Digitalen Transformation“, doch leider hinken viele Unternehmen hinterher. Schlimmer: Bei der digitalen Transformation wird die Produktentwicklung oft vernachlässigt und als rein technische Disziplin verankert. Doch die Produkte sind doch das, womit Unternehmen Geld verdienen. Daher diese Sichtweise ist überholt. Produktentwicklung muss strategisch gedacht werden, als zentrales Element für Zukunftsfähigkeit und Wettbewerbsdifferenzierung. Im folgenden behandle ich:

  • Digitale Transformation übersieht Entwicklung: Viele Transformationsinitiativen klammern die Produktentwicklung aus.
  • Klassische Entwicklung stößt an Grenzen: Lineare, dokumentenbasierte Prozesse lassen sich nicht mehr sinnvoll weiterentwickeln.
  • Eigene Strategie für die Entwicklung: Ohne klaren strategischen Fokus lässt sich Effizienz nur gering steigern.
  • Agilität braucht Modelle: Kurze Iterationen und schnelle Entscheidungen gelingen nur mit integrierten Modellen.
  • Software ist Vorreiter: CI/CD zeigt, wie Geschwindigkeit und Feedbackschleifen auch in der Hardware möglich wären.
  • Krise erschwert, macht Wandel aber nötig: Gerade unter Marktdruck ist Transformation besonders herausfordernd – und nötig.
  • Sechs konkrete Maßnahmen: Vom Setzen strategischer Ziele bis zur Integration von IT & Engineering – Transformation ist machbar.
  • Fazit: Jetzt ist der Zeitpunkt: Modellbasierte Agilität ist überfällig – besser spät starten als weiter zögern.

Digitale Transformation lässt Produktentwicklung oft aus

Wenn Führungskräfte von digitaler Transformation sprechen, fehlt häufig die Produktentwicklung, zumindest explizit. Zum Beispiel beschreibt Poppulo in diesem Blogartikel die folgenden vier Hauptbereiche der digitalen Transformation:​

  • Prozessoptimierung: Verbesserung der Effizienz und Effektivität von Unternehmensabläufen durch den Einsatz moderner Technologien.​
  • Geschäftsmodelltransformation: Neugestaltung traditioneller Geschäftsmodelle durch digitale Technologien, um neue Wachstumschancen zu erschließen.​
  • Domänentransformation: Erschließung neuer Marktbereiche durch den Einsatz digitaler Technologien, die zuvor nicht zum Kerngeschäft gehörten.​
  • Kulturelle/organisatorische Transformation: Anpassung der Unternehmenskultur und -struktur, um digitale Initiativen zu unterstützen und eine innovationsfreundliche Umgebung zu schaffen.

Die Produktentwicklung wird bei der digitalen Transformation erstaunlich oft nicht direkt adressiert.

Natürlich berühren einige davon auch die Produktentwicklung, wie bspw. die Prozessoptimierung. Doch meistens geht es nicht um die Entwicklung, sondern:

  • Marketing & Vertrieb
  • Kundenservice & Customer Relations
  • Kommunikation (Integration von Telefon, E-Mail, Chat, Social Media, etc.)
  • Fertigung / Produktion (Smart Factory)
  • DevOps / Softwareentwicklung
  • Personalwesen (HR), Learning & Development
  • Finanzen & Controlling
  • Echtzeit-Datenanalyse (Business Intelligence)
  • Lieferkette & Logistik (Supply Chain)

Manchmal erscheint auf der Liste das Thema Digitaler Zwilling, wobei sich das häufig auf Betrieb und PLM bezieht. Dennoch ist es auffällig, dass die Produktentwicklung oft vergessen wird. Gründe sind:

  • Die Produktentwicklung ist oft verzahnt mit anderen Domänen, z. B. IT, Fertigung oder Marketing.
  • In manchen Unternehmen wird sie nicht als „digitalisierbar“ wahrgenommen, da sie kreativ und individuell scheint.
  • Manchmal wird sie auch als bereits volldigitalisiert wahrgenommen, wobei übersehen wird, dass es Brüche in den Werkzeugketten gibt oder Inhalte nicht maschinell verarbeitet werden können.

Warum „weiter so“ nicht mehr funktioniert

Die klassische, Wasserfall-basierte Produktentwicklung basiert auf Silos, linearen Prozessen und umfangreicher Kommunikation über Texte und Tabellen. Kleine Verbesserungen in diesem System führen selten zu spürbarem Fortschritt – es ist kein System, das sich inkrementell modernisieren lässt. Was wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel: Weg vom dokumentenbasierten Arbeiten, hin zu einem modellbasierten, vernetzten und agilen Entwicklungsansatz.

Dabei gibt es viele Missverständnisse aufzulösen:

  • Wenn wir ein RE-Werkzeug (DOORS, Jama, Polarion, etc.) einsetzen, haben wir zwar feingranulare Traceability, aber keine maschinenlesbaren Artefakte, sondern Textschnipsel
  • Auch wenn wir teure, spezialisierte Werkzeuge für CAD, Test, Simulation und vielleicht sogar MBSE nutzen, bestehen oft Werkzeugbrüche weiter, die zu langen Liegezeiten führen.
  • Auch wenn die Werkzeuge Collaborationsfunktionen haben, um im Kontext zusammenzuarbeiten, läuft die Kommunikation trotzdem über E-Mail (oder bestenfalls Slack)
  • Auch wenn agile Methoden im Einsatz sind, sind die Iterationen viele Monate lang.

Produktentwicklung braucht eine eigene Strategie für die digitale Transformation

Die Produktentwicklung ist das Herzstück vieler Wertschöpfungsmodelle, daher verdient sie auch eine eigene Strategie. Schließlich sind die Produkte entscheidend für Innovationsgeschwindigkeit, Qualität und Differenzierung im Markt.

Eine echte Transformation erfordert klare Zielbilder, Investitionen in neue Methoden, Aufbau von Systemkompetenz und die konsequente Integration in digitale Gesamtprozesse. Wer hier passiv bleibt oder nur auf Optimierung bestehender Abläufe setzt, läuft Gefahr, den Anschluss an agilere, vernetztere Wettbewerber zu verlieren.

Auch künstliche Intelligenz, der aktuelle Hype, sollte mit Vorsicht eingesetzt werden: Der einfache Weg wäre, mit KI bestehende Prozesse zu verbessern. Damit können wir sicherlich schnell die Effizienz um 10–20% verbessern. Doch mit neu gedachten Ansätzen, wie Extreme Hardware, kann die Effizienz um Größenordnungen stgeigen.

Produktentwicklung braucht Agilität und Modelle

In Zeiten, in denen Märkte sich innerhalb von Monaten verändern und technologische Zyklen immer kürzer werden, wird Agilität zum Überlebensprinzip. Doch Agilität bedeutet nicht nur tägliche Stand-ups oder ein paar Sprints. Agilität bedeutet, schnell Erkenntnisse zu gewinnen, Optionen zu bewerten und Entscheidungen umzusetzen. Agilität bedeutet kurze Iterationen, auch bei Hardware.

Das funktioniert nur, wenn Teams mit digitalen, integrierten Modellen arbeiten, statt Informationen über langwierige Dokumente oder E-Mail-Pingpong zu transportieren. Modelle sind verständlich, überprüfbar, simulationsfähig – und sie ermöglichen echte Parallelität im Denken und Handeln. Das wiederum bricht die klassischen Silos auf, die Entwicklung, Fertigung und Betrieb oft noch voneinander trennen.

In der Softwareentwicklung sehen wir das schon lange. Continuous Integration und Continuous Delivery (CI/CD) sind dort längst Realität. Das ist auch bei Hardware möglich, wie SpaceX bei der Entwicklung der Raptor-Engines zeigt, die mit 2-Tages-Zyklen arbeiten.

Das Timing-Problem: Krise trifft auf Veränderungsbedarf

Ironischerweise braucht ein solcher Umbau Rückenfreiheit: Eine stabile Marktsituation, Zeit zum Lernen, Ressourcen für Transformation. Doch genau das haben viele Unternehmen aktuell nicht. Lieferketten sind fragil, der Kostendruck wächst, der Fachkräftemangel bremst Initiativen. Das Dilemma: Gerade jetzt wäre die Transformation am dringendsten nötig, aber sie scheint am schwierigsten machbar.

Schwierig, aber machbar. Hier sind meine 6 Empfehlungen, wie Unternehmen trotz Krise die Produktentwicklung transformieren können:

1. Strategische Ziele setzen

Die Ziele der Transformation müssen von Entscheidern strategisch begleitet werden. Ein guter strategischer Treiber ist bspw. die Verkürzung der Länge der Zyklen. Eine gute Metrik zum Optimieren ist die Liegezeit, die gerade durch Automatisierung von Wochen auf Minuten verkürzt werden kann.

2. Kleine Initiativen mit messbaren Ergebnissen

Langfristige Ziele sollten in kleinen, in sich abgeschlossenen Schritten umgesetzt werden. Wenn bspw. das Ziel ist, Simulationen in die Entwicklung einzubinden, so müssen zum einen die Simulationen automatisiert laufen, aber auch die Änderungen von Anforderungen (bspw. Parametern) automatisiert propagieren. Das können zwei separate Initiativen sein, die beide einen Mehrwert haben.

3. Modelle vernetzen

Modelle spielen auf vielen Ebenen eine Rolle, von Architektur bis Simulation. Diese in die Arbeitsflüsse zu integrieren und aus ihren Silos herauszulösen hat enormes Potential für die Automatisierung. Wichtig ist es auch, die Modelle nicht händisch zu übersetzen, sondern als Artefakte erster Ordnung zu benutzen. Dazu muss das Team allerdings die Modelle lesen und deren Nutzen erkennen können.

4. Silos nicht bekämpfen, sondern überbrücken

Der Unterschied ist subtil aber wichtig: Silos werden nicht verschwinden, Team wissen in der Regel, welche Werkzeuge für sie die richtigen sind. Zum Beispiel werden sich Softwareentwickler dagegen wehren, Polarion oder Jama statt Confluence und Jira zu benutzen, auch wenn dies durchaus möglich wäre. Deswegen müssen wir mit den Teams arbeiten und die Silos so gut wie möglich überbrücken, aber auf keinen Fall die Arbeit behindern. Hier bestehen oft gewaltige Probleme zwischen Fachabteilungen (und nicht innerhalb von Abteilungen).

5. Integration von IT & Engineering vorantreiben

Überhaupt ist das Thema Integration von zentraler Bedeutung. Dies geht weit über die Integration von Modellen hinaus. DevOps-ähnliche Strukturen helfen dabei, gemeinsam an Prozessen, Tools und Feedbackschleifen zu arbeiten.

6. Veränderung sichtbar machen

Veränderung muss sich sichtbar lohnen. Deswegen müssen wir die Effekte einer Veränderung messen. Gute KPIs sind schnellere Änderungszyklen, geringere Fehlerquote oder kürzere Time-to-Market, aber auch weiche Faktoren wie Zufriedenheit mit den Werkzeugen und Prozessen. Diese Zahlen helfen, intern Akzeptanz zu schaffen.

Fazit: Lieber spät als gar nicht

Die digitale Transformation muss die Produktentwicklung mit einschließen. Das bedeutet insbesondere agiles, modellbasiertes Arbeiten. Dies ist ein strategisches Thema, um Unternehmen weiterhin innovativ und wettbewerbsfähig zu halten. Auch wenn die Rahmenbedingungen heute alles andere als ideal erscheinen: Der beste Moment zum Start war gestern. Der zweitbeste ist heute.

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